„Für mich war das ja normal.“

Einsperren ändert nichts an der Gesinnung. Warum Täterarbeit wichtig ist.

Ronny

Brandenburg, Jugendhaftanstalt, Mai 2010. Wir warten auf Maik. Es ist heiß – dafür, dass es erst Mai ist und noch nicht mal Mittag. Das Fenster steht auf Kippe, gelegentlich fliegt eine Hummel gegen die Scheibe. Für das biographische Interview hat man uns einen Verwaltungsraum zur Verfügung gestellt, an der Wand ein Shrek 2 Poster, an der Pinnwand fragt ein Ausdruck „Was haben Sie eigentlich gegen Beamte? Die tun doch gar nichts!“ Maik steckt noch im fleckigen, weißen Overall, er kommt direkt von der Arbeit im Malereibetrieb. Ohne uns ins Gesicht zu schauen, streckt er uns die Hand entgegen. T., den er schon vom Auswahlgespräch her kennt, stellt mich kurz vor, fragt nach, ob es o.k. ist, wenn ich heute mit dabei bin. Maik nickt. T. packt seinen Laptop aus, „um Deine Tat geht´s heute noch gar nicht, das weißt Du ja, heute wollen wir uns erst mal Deine Familie angucken, wen es da so gibt, der Dir wichtig ist und der Dir nach Deiner Entlassung eine wichtige Unterstützung sein könnte, o.k.?“ Zum dritten Mal nickt Maik, ohne den Blick zu erwidern.

1991 ist er geboren, eine ältere Schwester gibt es da schon, mit ihr hat er denselben Vater, 8 weitere Geschwister folgen. Die drei ältesten tragen denselben Nachnamen, den Namen des Mannes, mit dem seine Mutter verheiratet war, ihr Vater ist der nicht, „ne Luftpumpe war der, aber geschlagen hat der nicht.“ Jacqueline, seine Mutter, ist heute 43, Maik hält sie für zu gutmütig, „Ich hätt mal ´n paar hinter die Ohren gebraucht, öfters…“ Während er erzählt, schaut er an uns vorbei, zum Fenster, zur Topfpflanze, die auf dem Fensterbrett vertrocknet. Maiks leiblicher Vater war Zuhälter und Türsteher, hat seine Mutter am Bahnhof aufgegabelt, kurz nach dem Mauerfall, als sie mal drüben gucken wollte – hat sie aufgegabelt und sich um sie gekümmert. „Die hat der nicht auf´n Strich geschickt, die hat er ja geliebt.“ Insgesamt 21 Jahre hat sein Vater in Haft verbracht, Zuhälterei, Gewalt und Alkohol, deswegen trennt sich Maiks Mutter auch von ihm. Das ist es aber nicht, was Maik an seinem Vater stört, von dem er sehr respektvoll spricht, sondern, „dass er Angst vor´m Krankenhaus hat, aber der müsste dahin, wegen seiner Krampfadern…“

Auf Maiks Vater folgt der nächste Mann, von ihm bekommt die Mutter die nächsten beiden Geschwister. Auch sie tragen den Namen eines anderen Vaters, eines Türken, mit dem Jacqueline für ein paar Jahre eine Scheinehe eingeht. Dann taucht Jens, „der Großkotz“, im Leben seiner Mutter auf, verprasst das Geld, das sie vom türkischen Scheinehemann bekommen hat. Die 3-Zimmer-Plattenbauwohnung in Cottbus ist ständig voll mit seinen Kumpels, während sie rauchen und saufen, kriechen die beiden Kleinsten zwischen ihren Füßen rum. Wenn ihn das nervt, tritt der Großkotz nach ihnen. Auch auf die Mutter drischt er regelmäßig ein. Maik ist 5 oder 6. Einmal kommt er in die Küche, seine Mutter wimmert, das Essen liegt auf dem Boden. Ihr Macker steht brüllend über ihr. Maik geht zur Küchenschublade und holt ein Messer raus, umgebracht hat er ihn nicht, aber irgendwann war er weg..

Dann kehrt erst mal Ruhe ein, „Duffy“, der nächste Mann, „hat echt was im Kopp gehabt, der war o.k., mit dem war se lange zusammen, so vier oder fünf Jahre“, Jana und Jamie sind von ihm. Aber dann gerät auch Duffy auf die schiefe Bahn, fängt zu dealen an, es kommt immer häufiger zu lautstarken Szenen. Als auch er anfängt, zuzuschlagen, trennt sich Jacqueline von ihm. 7 Kinder (Maiks älteste Schwester ist da schon von zu Hause weg), das schafft sie nicht, die 5 Großen nimmt man ihr weg, sie kommen ins Heim, die beiden Jüngsten bleiben bei Duffy. Alle 14 Tage sind sie ein Wochenende bei ihr. Aber auch Duffy schafft´s nicht. An diesem Sonntag, da soll er die beiden Kinder zu Jacqueline bringen, sie will mit ihnen in den Wildpark. Aber in den Wildpark gehen sie dann doch nicht, denn Duffy bringt die Kinder woanders hin. Er biegt von der Landstraße ab, wo keine Abzweigung ist, fährt die Böschung runter, zum Flussufer, hält nicht an.

Maik erzählt seine Geschichte nicht zum ersten Mal. Er kennt die Namen, die Geburtsjahre, die Nachnamen und die leiblichen Väter aller Geschwister. Er guckt weiter durch uns hindurch, nur seine Hände verraten, dass er bei der Sache ist. Und dass die Sache ihn mitgenommen hat. Jacqueline ist 34 oder 35 und hat 8 Kinder, als sie anfängt, mit Chris rumzuhängen, in der Kneipe, in der sie immer Dart spielt. Chris ist 16 oder 17, gerade mal vier, fünf Jahre älter als Maik. Chris wird der Vater seiner nächsten Schwester, dann ist auch er wieder weg. Einer kommt noch, „das ist der Beste von allen, der hat keine Vorstrafen, geht arbeiten. Sven ist der netteste, der kümmert sich um alle.“ 26 ist der, auch mit ihm bekommt Jacqueline noch ein Kind, Maiks jüngsten Bruder, zwei Jahre ist der jetzt alt. Bei seiner Geburt saß Maik schon im Knast. „Für mich war das ja normal, aber ich denk mal, für `ne durchschnittliche Familie ist das nicht normal, ging schon drunter und drüber bei uns… Ich war da irgendwie die Vaterfigur, auf mich is ja niemand los, die hatten ja alle Angst vor meinem Vater…“

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.