Von Benedikt Büchsenschütz und Niklas Brinkmöller
Unter Mitarbeit von Ahmad Alsalman, Meike Krämer, Luis Kreisel, Meryem Tinç und Margareta Wetchy
Zusammenfassung
Diese Qualitative Inhaltsanalyse untersucht die Konstruktion von Geschlecht in Diskursen von weiblich gelesenen Accounts aus dem islamistischen Milieu – basierend auf ca. 1.139 Beiträgen von TikTok und Instagram. Die Beiträge wurden vom Projektteam unter Gesichtspunkten der Konstruktion von Männlichkeit, Weiblichkeit sowie der Interaktion zwischen Männern und Frauen untersucht.
Geschlecht nimmt eine zentrale Rolle in den geteilten Inhalten ein
Von den insgesamt 1.139 analysierten Beiträgen hat die Mehrheit (736 Beiträge; 64,6 %) keinen direkten Bezug zu Geschlechterkonstruktionen und beschäftigt sich hauptsächlich mit religiösem Wissen und vermeintlichen Weisheiten. Immerhin 290 Beiträge (25,5 %) thematisieren Weiblichkeit, insbesondere im Zusammenhang mit Kleidung (144 Beiträge). Männlichkeit wird seltener thematisiert (84 Beiträge; 7,4 %), der Fokus dieser Kategorie liegt zudem stärker auf sozialen Rollen als auf Kleidungsvorschriften und Aussehen. Die Beziehung zwischen Mann und Frau wird in 78 Beiträgen (6,8 %) thematisiert und konzentriert sich hauptsächlich auf die Ehe. Mit der Bezugnahme auf Geschlecht in einem Drittel der gesamten Beiträge zeigt sich, dass diese Kategorie sowie die Beziehung von Männern und Frauen zentrale Themen von islamistischen Accounts in den Sozialen Medien sind. Weiblichkeit und Männlichkeit werden überwiegend als eindimensionale, heteronormative Kategorien konstruiert, die auf vermeintlich einheitlichen religiösen Werten beruhen und als natürlich determiniert verstanden werden.
Kleidungsvorgaben werden mit moralischem Druck und Sanktionen assoziiert
Weiblichkeit wird traditionalistisch definiert und mit klaren sozialen Rollen und Normerwartungen verbunden. Ein besonders hoher Anteil aller untersuchten Postings der Kategorie Weiblichkeit (49%) befasst sich mit Bekleidungs- oder Verhaltensvorschriften für Frauen, wie der (pseudo-)religiös begründeten Vorschrift zum „richtigen“ Tragen einer Kopfbedeckung (Hijab) sowie Gesichtsverschleierung (Niqab). Bei Nicht-Einhaltung der Vorgaben wird in einigen Beiträgen eine Drohkulisse, basierend auf sozialer Ausgrenzung oder Bestrafung im Jenseits, konstruiert. Das Einhalten von Kleidungs- und Verhaltensvorschriften hingegen wird als Ausdruck religiöser Identität und moralischer Integrität gewertet. Personen, insbesondere Frauen, die nicht den gestellten Erwartungen entsprechen, werden als abweichend dargestellt und für die Schwächung des Islam im „Westen“ verantwortlich gemacht. In der Konsequenz wird daraus ein Ausschluss aus der „In-Group“ für die betroffenen Frauen abgeleitet.
Im Zentrum der Geschlechterverhältnisse stehen traditionelle Rollenbilder
Die Genderkonstruktionen von Männern und Frauen basieren auf einer klaren Rollenverteilung. Frauen wird primär die häusliche Sphäre zugewiesen, mit Fokus auf Kindererziehung und Reproduktion; sie gelten als Träger*innen der moralischen Ordnung und werden für deren Wahrung verantwortlich gemacht. Ihnen wird auferlegt, keusch zu sein und sich vor Blicken von Männern zu schützen. Männern wird eine patriarchale Rolle innerhalb der Familie zugeschrieben; sie gelten als Verantwortliche für die Repräsentation von Familie und Ehe. Ein wiederkehrendes Thema in den analysierten Beiträgen war, dass Ehefrauen ihren Männern gegenüber gehorsam sein müssen und Männer die Verantwortung für das Handeln der Frauen innehätten. Die Ehe wird als übergeordnetes Ziel für beide Geschlechter betont und als zentrale Institution für das Zusammenleben von Männern und Frauen stilisiert.
Männlichkeit wird als übergeordnet idealisiert
Männlichkeit wird traditionalistisch als eine Kombination aus Stärke, Fürsorge und Autorität idealisiert. Männer sollen als Beschützer der familiären Sphäre und Versorger agieren. Männer, die diesem Ideal nicht entsprechen, werden als schwach und unehrenhaft oder sogar ungläubig stigmatisiert. Im Vergleich zu Frauen sind die Erwartungen an Männer jedoch weniger optischer Natur oder in der „aktiven Passivität” als vielmehr damit verbunden, autoritär aufzutreten. Diese Ungleichheit verstärkt die hierarchische Geschlechterordnung und unterstreicht die geschlechtsspezifischen Unterschiede in den Rollenerwartungen.
Das vollständige Short Paper 2 können Sie hier downloaden.
Über SOMEX
Das Projekt SOMEX – Social Media extrem – Sensibilisierung von Fachkräften zu Online-Strategien extremistischer Akteurinnen im Kontext Islamismus hat zum Ziel, die Online-Aktivitäten relevanter Akteurinnen im Phänomenbereich „Islamistischer Extremismus“ besser zu verstehen und präzise zu beschreiben. SOMEX trägt damit zur genderspezifischen Diskussion mit Fachkräften und Multiplikator*innen der Präventionsarbeit bei. Mehr Informationen zum Projekt finden Sie hier.
