Von Judy Korn und Thomas Mücke (CEOs, Violence Prevention Network)
Solingen, Mannheim, Magdeburg, Halle, Hanau – die Liste lässt sich leider fortsetzen. Jeder und jede weiß sofort, was diese Städtenamen auch bedeuten. Sie bedeuten Leid, Verzweiflung und Tod für viele Menschen, denn diese Städtenamen stehen für terroristische, extremistische Anschläge auf Menschen, die in Deutschland leben. Es ist dabei unerheblich, mit welcher extremistischen Ideologie ein Anschlag begangen wird. In jedem Fall fühlt sich ein terroristischer Akt als Bedrohung für die unmittelbar betroffenen Menschen an, wie auch für diejenigen, die nur mittelbar involviert sind, und bspw. über die Medien von einem Anschlag erfahren. Es spielt ebenfalls eine untergeordnete Rolle, dass die Zahl der Anschläge pro Jahr stark schwankt und in einem Jahr zu-, im nächsten wieder abnimmt. Die gefühlte Bedrohung ist immer da und sie suggeriert, dass die Terrorakte zunehmen und somit die Gefahr für Leib und Leben größer wird. Was also können wir tun, um sowohl der gefühlten als auch der realen Bedrohung durch extremistische Gewalt etwas entgegenzusetzen?
Wir geben niemanden auf
Als eine der führenden zivilgesellschaftlichen Organisationen im Bereich Extremismusprävention in Deutschland, die sich seit über zwei Jahrzehnten der Deradikalisierung von extremistischen Straftäter*innen verschrieben hat, haben wir eine klare Antwort: Um der Bedrohung etwas entgegenzusetzen, braucht es Prävention. Neben den sicherheitsbehördlichen Aspekten, die mit extremistischen Anschlägen einhergehen, ist Prävention die einzige nachhaltige Lösung. Prävention wirkt in unterschiedlichen Stadien und präsentiert sich in verschiedenen Formaten. Wir sprechen von Primärprävention, wenn wir mit Workshops an Schulen arbeiten oder Fortbildungen für Lehrkräfte, Polizei und Bedienstete in Justizvollzugsanstalten geben. Durch die „Grundimmunisierung“ von Jugendlichen gegen Anwerbeversuche extremistischer Gruppen schützen wir sie davor, selbst in extremistische Kreise abzugleiten. Fachkräfte sensibilisieren wir durch Fortbildungen, gefährdete (junge) Menschen in ihrem Umfeld zu erkennen, um ihnen Hilfsangebote zu machen. Sobald es Verdachtsmomente gibt oder Menschen bereits stark gefährdet sind, kommt die Sekundärprävention zum Tragen. Wir können Menschen, die sich in einem Prozess der Radikalisierung befinden, durch gezielte Trainings wieder aus der Radikalisierungsspirale herausholen. Von Tertiärprävention sprechen wir dann, wenn bereits eine Straftat begangen wurde und der oder die Täter*in sich bspw. in Haft befindet. Hier setzen wir an, um das weitere Begehen von Straftaten in der Zukunft zu verhindern. Wir geben niemanden auf.
Soziale Diagnostik und Risk Assessment
Um einschätzen zu können, wie weit ein Mensch im Radikalisierungsprozess vorangeschritten ist, greifen wir nicht nur auf unsere langjährige Praxiserfahrung zurück. Wir wenden dafür das wissenschaftliche Verfahren der Sozialen Diagnostik an. Im Gegensatz zum Risk Assessment, das Sicherheitsbehörden nutzen, um abzuschätzen, wieviel Risiko (z. B. einen Anschlag zu begehen) von einer Person ausgeht, analysiert die Soziale Diagnostik die sozialpädagogische Perspektive des Distanzierungsprozesses. Dabei werden soziale und emotionale Stabilisierungsressourcen abgerufen bzw. entwickelt, die gewalttätigem Verhalten und extremistischem Denken entgegenwirken. Diese Ressourcen betreffen nicht selten auch die mentale Gesundheit einer Person. Extremismusprävention steht hier an der Schnittstelle zu psychotherapeutischen Maßnahmen und verknüpft diese sinnvoll mit Maßnahmen der Deradikalisierung.
Mehr Prävention = mehr Demokratie
Prävention ist das wichtigste Mittel, das wir haben, um extremistische Gewalttaten zu verhindern, unsere Demokratie zu schützen und einen wirkungsvollen Beitrag dafür zu leisten, radikalisierte Menschen bereits in einem frühen Stadium zu identifizieren und anzusprechen. Zugleich spart insbesondere Tertiärprävention hohe Folgekosten und ist damit – auch haushalterisch gesehen – das Mittel der Wahl. Was es von der Politik braucht, ist der Mut, mehr (Tertiär-)Prävention zu wagen anstatt weniger.
Angesichts der fortschreitenden Polarisierung der Gesellschaft und den Anfeindungen gegen die Arbeit zivilgesellschaftlicher Organisationen sind Mittelkürzungen in diesem Bereich das falsche Signal. Der Rechtsextremismus ist eine der größten Gefahren für die Demokratie und wir müssen gemeinsam dafür eintreten, dass die stetig wachsenden globalen Krisen unsere Wertegemeinschaft nicht weiter spalten. Prävention kann vieles leisten – die Politik kann für die Bedingungen sorgen, die es braucht, um Prävention zu ermöglichen und einen gesellschaftlichen Zusammenhalt zu schaffen, der einer weiteren Polarisierung und damit extremistischen Taten entgegenwirkt.