Einblicke aus Expert*inneninterviews mit Berater*innen der Präventions- und Distanzierungsarbeit und der Analyse von Social Media-Netzwerken
Violence Prevention Network Schriftenreihe Nr. 15 von Niklas Brinkmöller, Benedikt Büchsenschütz und Luis Kreisel mit Ahmad Alsalman, Dr. Samet Er, Meike Krämer, Niklas von Reischach, Felix Schnee, Navid Wali und Johanna West
Executive Summary
Heft Nr. 15 der Violence Prevention Network Schriftenreihe untersucht die Struktur, Verbreitung und Rezeption extremistischer Inhalte in Sozialen Netzwerken in Bezug auf Hybridisierung anhand einer Netzwerkanalyse von 924 deutschsprachigen Instagram-Accounts sowie einer thematischen Analyse von acht Expert*inneninterviews aus der Präventions- und Distanzierungsarbeit. Die Accounts wurden in einem mehrstufigen Prozess vom Projektteam hinsichtlich Inhalts, Formats und gelesenen Geschlechts kategorisiert. Die Interviews wurden mittels thematischer Analyse in MAXQDA ausgewertet und ermöglichten die Ableitung eines Kategoriensystems.
Die Netzwerkanalyse identifizierte vier Communitys: „Prominente & Influencer*innen“ (300 Accounts), „Islamistischer Extremismus & Umfeld“ (64 Accounts), „Gesundheit, Ernährung, Coaching & Verschwörung“ (288 Accounts) sowie „Extreme Rechte, politische Verschwörung & Umfeld“ (272 Accounts). Insgesamt wurden 614 Accounts als nicht-extremistisch klassifiziert. Die zweithäufigste Kategorie waren Accounts mit extrem rechten Inhalten (134 Accounts), gefolgt von Accounts mit verschwörungsmythischen Inhalten (129 Accounts). Nur 22 Accounts wurden islamistisch eingeordnet, während 12 Accounts hybrid-extremistische Inhalte verbreiteten und 12 weitere Accounts nicht abrufbar waren. Die Analyse zeigt deutliche Überschneidungen zwischen verschwörungsmythischen und extrem rechten Accounts, während die Schnittmenge mit islamistischen Accounts gering ist.
Die Untersuchung liefert keine Hinweise auf eine umfassende Verschmelzung ideologischer Strukturen zu geschlossenen, hybriden Weltbildern bei gleichzeitiger Auflösung bestehender Ideologien. Vielmehr zeigen die Befunde, dass extremistisches Denken zunehmend fragmentiert und individualisiert ist. Ideologische Fragmente werden selektiv und teilweise widersprüchlich rezipiert, ohne dass ein konsistentes Gesamtweltbild entsteht. Brückennarrative wie Antifeminismus, Antisemitismus oder Wissenschaftsfeindlichkeit fördern die ideologische Anschlussfähigkeit zwischen unterschiedlichen Extremismusphänomenen, ohne eine vollständige Fusion zu erzeugen. Humor, Memes und symbolische Codes verstärken diese Dynamik, indem sie extremistische Inhalte normalisieren und deren subtile Legitimierung ermöglichen.
Die Expert*inneninterviews liefern praktische Einblicke, die das Verständnis über Funktionsweise und Wirkung von (hybriden) Ideologien in der Lebenswelt der Rezipient*innen schärfen. Sie zeigen, dass ideologische Fragmente als flexible Sinnressourcen in individuelle Biografien integriert werden und durch die verstärkte Verfügbarkeit von digitalen Angeboten individualisiert werden können.
Klient*innen wählen Inhalte situativ aus, adaptieren sie opportunistisch und verbinden sie mit persönlichen Erfahrungen, Gefühlen und gesellschaftlichen Unsicherheiten. Besonders auffällig ist, dass die Klient*innen zunehmend jünger werden und durch Polykrisen, familiäres Umfeld, Sozialisation sowie die Rezeption von problematischen Social Media Inhalten, wie z.B. hegemonialen Männlichkeitsbildern, geprägt sind. Diese Faktoren wirken zusammen, um die Anfälligkeit für eine ideologische Öffnung zu erhöhen. Die Narrationen spiegeln auch zentrale Muster wie Antifeminismus, Rassismus oder Queerfeindlichkeit wider, die Brücken zwischen unterschiedlichen ideologischen Milieus schlagen.
Expert*innen berichten, dass diese Flexibilität die Distanzierungsarbeit erschwert, da klare ideologische Positionen seltener vorliegen und Argumentationsmuster weniger eindeutig dekonstruierbar sind. Zugleich betonen die Berater*innen, dass psychosoziale Prozesse, Beziehungsarbeit und Biografiearbeit entscheidend sind, um Zugang zu Klient*innen zu erhalten und deren Weltbilder zu irritieren.
Die Ergebnisse verdeutlichen eine starke Veränderung der ideologischen Verankerung, die phänomenübergreifend wirkt: Die Individualisierung, Fragmentierung und mediale Vernetzung extremistischer Sinnbildungsprozesse nehmen zu, während klare, abgeschlossene ideologische Strömungen seltener werden. Praktische Implikationen ergeben sich daraus insbesondere für die Präventions- und Distanzierungsarbeit.
Das ganze Heft 15 zum Download finden Sie hier.
