Männlichkeit(en) in der Radikalisierungsprävention

Gendersensible Ansätze in der Arbeit mit radikalisierten Personen aus dem islamistischen Spektrum

Von Meike Krämer (Violence Prevention Network gGmbH), Ibrahim Bebars (Grüner Vogel e. V.)

Einleitung

In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit islamistischen Radikalisierungsprozessen zeigte sich in den vergangenen Jahren zunehmend, dass Geschlecht eine zentrale analytische Kategorie darstellt. Lange Zeit wurde dabei vor allem untersucht, wie islamistische Ideologien Frauen adressieren und welche geschlechtsspezifischen Rollenbilder sie dabei reproduzieren. Doch auch für männliche Jugendliche und Männer bieten islamistische Ideologien eindeutige, binäre Identitätsangebote. Sie verknüpfen offline und online Vorstellungen von Stärke, Ehre und Kontrolle gezielt mit geschlechtsspezifischen Narrativen und propagieren diese aktiv. Die daraus entstehenden Sinnangebote entfalten ihre Wirkung nicht nur auf religiöser oder politischer Ebene, sondern vor allem dadurch, dass sie emotionale Bedürfnisse nach Orientierung, Zugehörigkeit und Anerkennung an geschlechtsspezifische Vorstellungen von Männlichkeit koppeln.

Markus Theunert (2024) weist in Der Faktor M darauf hin, dass Männlichkeitskonstruktionen bislang eine weitgehend unbeachtete Leerstelle in der Präventionsarbeit darstellen, obwohl sie wesentliche Motivations- und Orientierungsmuster extremistischer Ideologien prägen. Auch Rehm et al. (2024) sowie Baron et al. (2023) betonen, dass die Geschlechterdimension in Forschung und Beratung über lange Zeit hinweg unterschätzt wurde. Vergleichsstudien aus dem Bereich des Rechtsextremismus (u. a. Beck 2021; Birsl 2011) liefern ergänzende Hinweise auf ähnliche Zusammenhänge. Trotz dieser zahlreichen Erkenntnisse werden geschlechtsspezifische Dynamiken in der Praxis der Radikalisierungsprävention und Deradikalisierung bisher selten systematisch reflektiert oder konzeptionell verankert.

Die vorliegende Publikation möchte dazu beitragen, diese Lücke zu schließen, indem sie theoretische Erkenntnisse zu Männlichkeitsideologien mit dem Erfahrungswissen aus der Präventionsarbeit verbindet. Zentrale Leitfragen sind hierbei: Welche Rolle spielen hegemoniale und toxische Männlichkeitsbilder in der Radikalisierung und Deradikalisierung im Kontext des Islamismus? Und wie können gendersensible Ansätze in der Präventions- und Beratungsarbeit konzeptionell und methodisch verankert werden? Als Verbindung zwischen Forschung und Praxis richtet sich die Publikation an Fachkräfte, Institutionen und Entscheidungsträger*innen, die darauf hinwirken, Genderperspektiven systematisch in Prävention und Deradikalisierung einzubinden.

Die vollständige Handreichung können Sie hier runterladen.