Von Svetla Koynova (Violence Prevention Network)
Extremismusprävention und Distanzierungsarbeit waren schon immer dynamisch. Anders als in vielen anderen Politikbereichen verändern sich die drängendsten Herausforderungen hier nicht im Abstand von Jahrzehnten, sondern manchmal innerhalb weniger Monate. Und wenn durch globale Ereignisse und Krisen alles aus den Fugen zu geraten scheint, können neue Herausforderungen innerhalb weniger Wochen zur Bedrohung für die öffentliche Sicherheit werden.
Extremistische Akteur*innen arbeiten diese Ereignisse ständig in ihre Deutungen der Welt ein, wenn sie überzeugen wollen. So verschieben sich Ideologien und es entstehen neue narrative Verknüpfungen. Durch stetig neue Mythen versuchen Extremist*innen, die Sorgen und Obsessionen derjenigen widerzuspiegeln, die sie rezipieren und die diese Mythen weitertragen. Mit den technologischen Entwicklungen verändert sich zudem, wie Menschen diesen extremistischen Ideen begegnen und wie sie diese weiterverbreiten.
Diejenigen, die diese Verschiebungen zuerst bemerken, sind selten Wissenschaftler*innen oder die politischen Entscheidungsträger*innen. Es sind Praktiker*innen: Beratende, Sozialarbeiter*innen, Leitungen von Ausstiegsprogrammen. In ihren Gesprächen, in den Krisen, auf die sie reagieren, werden neue Trends sichtbar, oft Jahre, bevor sie allgemein anerkannt sind. Wer wissen will, wohin sich extremistische Ideologien bewegen, muss auf die Praxis schauen. Sie ist die Linse, durch die die Gesellschaft die rasanten Veränderungen sehen kann.
Die Entwicklung wird zunehmend komplexer
Die Polarisierung nimmt zu und zieht tiefere Risse durch Gesellschaft und Familien. Die Gefahr sogenannter Einzeltäter*innen, die ohne erkennbare Gruppenanbindung handeln, macht Prävention zunehmend schwieriger. Junge Menschen radikalisieren sich früher, oft, bevor ihre erwachsenen Identitäten stabil ausgebildet sind. Und sie tun dies in Räumen, die immer weniger sichtbar sind: in geschlossenen Online-Foren, algorithmisch gesteuerten Feeds, auf Gaming-Plattformen.
Verschärft wird dies dadurch, dass viele Kinder und Jugendliche in der Pandemie zentrale Sozialisationsphasen verpasst oder sie in ungewohnter Reihenfolge erlebt haben. Ein Gefühl von Zugehörigkeit ist bei ihnen nicht ausreichend ausgeprägt und muss mit fehlender Selbstsicherheit und der Tendenz zur Isolation bezahlt werden.
Diese Prozesse sind nicht nur verborgen, sie sind auch hybrid. Die Ideologien, an die junge Menschen andocken, sind eklektisch. Sie vermischen Verschwörungserzählungen, Ethnonationalismus, Misogynie und sogar pseudo-spirituelle Wiederauferstehungsversprechen. Dadurch wird das „Feindbild“ diffuser als je zuvor.
Was bedeutet das für die Prävention?
Das bedeutet, dass oberflächliche Awareness-Kampagnen nicht ausreichen. Wir müssen in die Spirale aus Isolation und Einsamkeit eingreifen, bevor sie zu Gewalt führt. In der sekundären und tertiären Prävention, in der Phase, in der Risiken real sind und Menschen sich am Rande der Gesellschaft wiederfinden, müssen wir Alternativen anbieten. Und diese Alternative lautet: die menschliche Verbindung. Die Beziehung zu einer Beraterin, die ohne Vorurteil zuhört. Die Präsenz eines Sozialarbeiters, der die Person hinter der Ideologie erkennt.
Doch zu wissen, dass menschliche Verbindung entscheidend ist, reicht nicht. Wir müssen verstehen, wie sie aufgebaut werden kann, wo sie am dringendsten gebraucht wird und warum manche Interventionen wirken und andere nicht. Genau das ist die Rolle anwendungsnaher Forschung.
Forschung als Kompass
Anwendungsorientierte, praxisnahe Forschung liefert den Kompass, den Prävention braucht – in drei Richtungen:
- Auf gesellschaftlicher Ebene zeigt sie uns die größeren Strukturen, die Radikalisierung befeuern: Diskriminierung, ökonomische Ausgrenzung, digitale Subkulturen, kulturelle Entfremdung. Ohne diesen Blick aus der Vogelperspektive bekämpfen wir Symptome, nicht Ursachen.
- Auf individueller Ebene hilft sie uns zu verstehen, warum ein heranwachsender Mensch extremistische Inhalte ignoriert, während ein anderer länger zuguckt und tiefer einsteigt. Das Wissen um diese Mikrodynamiken ermöglicht es Praktiker*innen, Beratungen einfühlsamer, und dadurch gezielter und wirksamer zu gestalten.
- In einer Feedbackschleife sorgt Forschung dafür, dass Erkenntnisse in beide Richtungen fließen: Praxis informiert Forschung, Forschung stärkt Praxis. So verhindern wir, dass Präventionsarbeit erstarrt. Sie bleibt anpassungsfähig gegenüber immer neuen Ideologien.
Praxisnäher, nicht abgehobener
Für manche klingt Forschung abstrakt, nach Elfenbeinturm, nicht nach der Realität vor Ort. Doch im Feld der Extremismusprävention ist Forschung kein Luxus. Sie macht die Praxis schärfer, wirksamer, menschlicher. Sie verwandelt Mitgefühl in Strategie und Strategie in messbare Wirkung.
Innerhalb von Violence Prevention Network wird diese positive Rückkopplung immer wieder als Stütze für interne Qualitätssicherung, Evaluation und Lernen genutzt. Erkenntnisse über die großen gesellschaftlichen Verschiebungen spielen eine fundamentale Rolle in der Begegnung zwischen Berater*in und Klient*in.Die darin gewonnenen Erkenntnisse werden dank Sozialer Diagnostik wieder auf die Organisationsebene zurückgespielt, wo Wissen zirkulieren darf. Diese Struktur spiegelt genau das wider, was Prävention selbst leisten muss: herauszoomen, um Muster zu erkennen; heranzoomen, um das Individuum zu sehen; und die gewonnenen Einsichten wieder in die Praxis zurücktragen.
Seit 2017 gibt es bei Violence Prevention Network ein eigenes Wissenschaftsteam, das Praxis und Forschung eng verzahnt. Unser Ziel ist es, die Dynamik des Feldes nicht nur zu beobachten, sondern aktiv zu gestalten: Programme wissenschaftlich zu begleiten, neue Ansätze zu entwickeln und aktuelle Forschungsergebnisse schnell in die Arbeit mit Klient*innen einfließen zu lassen.
Dabei setzen wir auf drei Säulen:
- Qualität sichern
Wir evaluieren interne Prozesse, entwickeln Diagnostik und Case-Management weiter und sorgen dafür, dass die Praxis immer auf dem neuesten Stand wissenschaftlicher Erkenntnisse bleibt. - Wissen schaffen
Als Verbundpartner in Forschungsprojekten bringen wir unsere Praxiserfahrung in Kooperationen mit Universitäten und Instituten ein und tragen zugleich die drängendsten Fragen aus der Arbeit mit Betroffenen direkt zurück in die Forschung. - Dialog stärken
Wir schaffen Räume für Austausch zwischen Praxis, Forschung und Verwaltung: Workshops, Trainings, gemeinsame Reflexion. So entstehen Verständnis, neue Ideen und nachhaltige Netzwerke.
In einer Zeit hybrider Ideologien und unsichtbarer Radikalisierung ist Forschung nicht optional. Sie ist die Taschenlampe im dunklen Flur. Sie zeigt uns nicht nur, wohin Menschen sich verirrt haben, sondern auch die Wege, auf denen sie zurückfinden können. So gehen Forschung und Prävention Hand in Hand.
Die Autorin:
Svetla Koynova leitet gemeinsam mit Maximilian Campos Ruf den Fachbereich Wissenschaft bei Violence Prevention Network und ist hier für die strategische Ausrichtung der Forschungsinitiativen verantwortlich. Sie studierte Politikwissenschaft mit den Schwerpunkten Religionssoziologie sowie interkulturelles und transkulturelles Management (Universität Freiburg und Sciences Po Aix) und verfügt über umfangreiche Erfahrung in den Bereichen Monitoring, Evaluation und Lernprozesse sowie in der Erforschung von Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, Verschwörungsglauben und Radikalisierung. In ihrer Funktion bei Violence Prevention Network leistet sie einen wesentlichen Beitrag zur Weiterentwicklung und wissenschaftlichen Untermauerung praktischer Arbeitsprozesse, insbesondere in der sekundären und tertiären Extremismusprävention.