Emotionale Muster der Ideologie-Gläubigkeit

Zur Aktualität der „Authoritarian Personality“

 

Gudrun Brockhaus | INTERVENTIONEN – Zeitschrift für Verantwortungspädagogik | Ausgabe 6/2015

„The Authoritarian Personality“1 erscheint 1950 in den USA. Das Buch beinhaltet sozialpsychologische Forschungen zu der Frage, was Menschen anfällig macht für faschistische Ideologie. Können diese 65 Jahre alten Forschungen noch etwas beitragen zum Verständnis der Anziehungskraft radikaler Ideologien in der Gegenwart?

Die aus Deutschland exilierten Vertreter der „Kritischen Theorie“ suchten nach Erklärungen für die aktive Teilhabe vieler Deutscher am Nationalsozialismus und seiner Vernichtungspolitik. Sie waren zudem motiviert durch die drängende Frage, ob sich auch die US-amerikanische Demokratie zu einer nationalistischen, autokratischen oder gar faschistischen Gesellschaft entwickeln würde.

Mein Beitrag nimmt aus dem 1000-seitigen Werk die Grundthesen über die emotionalen Determinanten der Ideologiegläubigkeit auf und befragt sie auf ihre Aktualität.

Die Forschungen zur „Autoritären Persönlichkeit“ waren Teil eines im Mai 1944 begonnenen, groß angelegten Forschungsprojektes zur Untersuchung rassistischer und religiöser Vorurteile. Die „Autoritäre Persönlichkeit“ konzentrierte sich auf die individuelle Vorurteilsbereitschaft und untersuchte sie mit einem breiten Spektrum qualitativer und quantitativer Methoden: Einstellungsskalen, klinische Interviews, projektive Fragen und der TAT (Thematic Apperception Text) kamen bei mehr als 2000 Versuchspersonen bzw. Befragten zur Anwendung. Ab Ende 1944 wurden die Forschungen von den in die USA emigrierten Vertretern der Kritischen Theorie und Psychoanalytiker(inne)n sowie amerikanischen Sozialwissenschaftlern durchgeführt. Erst 1950 wird die „Autoritäre Persönlichkeit“ als Teil der fünfbändigen „Studies in Prejudice“ von Theodor W. Adorno, Else Frenkel-Brunswik, Daniel J. Levinson und R. Nevitt Sanford herausgegeben.

Horkheimer, Adorno und viele weitere der ins Exil gezwungenen Wissenschaftler fürchteten sich vor einer Wiederholung der politischen Entwicklung in Deutschland.2 Könnte auch im demokratischen Amerika der Faschismus – dies war die damals gängige Ausdrucksweise – an die Macht kommen und eine Massenbasis von Anhängern gewinnen, wie es in Deutschland innerhalb weniger Jahre geschehen war, obwohl „im Deutschland vor Hitler (…) weniger offener Antisemitismus beobachtet“3 wurde als im Amerika von 1945? Dennoch hatte sich in Deutschland nach 1933 sehr rasch eine Hinnahme, Akzeptanz oder sogar aktive Unterstützung der Juden-Verfolgung und -Vernichtung entwickelt.

Die Untersuchungen der „Autoritären Persönlichkeit“ sollte diese rasche Übernahme antisemitischer Politik verstehbarer machen und Fragen beantworten wie: „Wie kommt antidemokratisches Denken zustande? Welche Kräfte im Individuum sind es, die sein Denken strukturieren?“4 Im Untersuchungszeitraum gegen Kriegsende – nach einem jahrelangen, endlich siegreichen Kampf gegen Nazi-Deutschland und dem durch die Öffnung der Konzentrationslager sichtbar gewordenen Ausmaß der Massenvernichtung – ließen sich in den USA kaum Leute finden, die sich offen mit Antisemitismus und NS- Ideologie identifizierten. Vielmehr beschworen fast alle ihre Demokratie-Treue und den Hass auf Nazi-Deutschland, „doch ließen sich leicht Personen finden, deren Anschauungen verrieten, dass sie den Faschismus bereitwillig akzeptieren würden, falls er sich zu einer starken und respektablen Bewegung entwickeln sollte.“5

Diese Beobachtung aus der ersten Seite der Einleitung erleichtert das Verständnis der aktuellen Entwicklung fremdenfeindlicher Bewegungen in Deutschland: Die islamfeindliche Pegida-Bewegung hatte Ende 2014 mit der Abgrenzung von den Nazis begonnen. Die erste Äußerung der Interviewten, das größte Plakat der Demonstranten war: „Wir sind keine Nazis!“ Inzwischen (Dezember 2015) sind bei den Demonstrationen und Aktionen gegen Flüchtlinge die Beteuerungen, kein Nazi zu sein, verschwunden. Das erklärt sich eben damit, dass Fremdenfeindlichkeit und Hass von vielen und auch von wichtigen Meinungsführern geteilt werden und „respektabler“ geworden sind. 1945 galten den Autoren der „Autoritären Persönlichkeit“ die offen geäußerten Vorurteile nicht als guter Indikator für eine spätere Akzeptanz des Faschismus. „Um die Aussichten eines faschistischen Sieges in den USA zu beurteilen, muss man […] das Potential im Charakter der Menschen einkalkulieren.“6 Dazu mussten die Forscher ganz neue Forschungsfragen und Messinstrumente entwickeln, die das Potenzial für die Akzeptanz faschistischer Ideologie erfassen sollten, die individuell differierende „Empfänglichkeit für antidemokratische Propaganda“, „die Ideologie auf dieser ‚Bereitschaftsstufe‘“7, vor ihrer explizit faschistischen Ausformulierung.

Die Entwicklung der Faschismus(F)-Skala, die der diagnostischen Erfassung dieses Potenzials dienen sollte, hatte nicht nur diese wissenschaftliche Zielsetzung. Die Analyse der Ursachen der Faschismus- Anfälligkeit, wie Max Horkheimer in seinem Vorwort zur „Autoritären Persönlichkeit“ 1950 emphatisch schreibt, „can become of immediate practical significance“ und „enhance the chances of a genuinely educational counterattack.“8 Das ist der ganz pragmatische Grund für die Konzentration auf die subjektive Seite, auf das Verstehenwollen der psychologischen Dynamik: Die politisch-ökonomische Realität schien den Autoren der fast zeitgleich verfassten „Dialektik der Aufklärung“9 von hermetischer Unangreifbarkeit, und Eingriffsmöglichkeiten siedelten sie eher auf der Seite der Subjekte an. Allerdings gibt das Schlusskapitel der „Autoritären Persönlichkeit“ diesem Optimismus kaum noch Raum.

Von Friedeburg nennt die „Autoritäre Persönlichkeit“ 1973 „eine der wichtigsten […] Studien in den modernen Sozialwissenschaften“10. Und wirklich hat das Buch eine unübersehbare Menge von Reaktionen und Nachfolgestudien ausgelöst. Aber das Besondere dieses Ansatzes wurde nicht aufgenommen und weitergeführt: die Zusammenarbeit der gesellschaftskritischen Theoretiker mit den sozialpsychologischen Mainstream-Forschern und klinischen Praktikern unter einer politisch- praktischen Zielsetzung. Die Studie wurde in ihrem methodischen Vorgehen kritisiert, die theoretischen (wenig ausformulierten) Ansätze zur Erklärung der Faschismusanfälligkeit kaum aufgegriffen und die erhoffte pädagogische Gegenoffensive fand nicht statt.

Vonseiten der Kritischen Theorie wurde die „Autoritäre Persönlichkeit“ nicht als ein auch theoretisch interessanter Beitrag anerkannt. Der Ansatz wurde vielmehr als Vergröberung, Psychologisierung und Pädagogisierung der Gesellschaftskritik betrachtet und wegen seiner Nähe zur positivistischen Forschung verachtet. Adorno nimmt auf die „Autoritäre Persönlichkeit“ in seinem späteren Werk kaum Bezug,11 die Studien werden in Deutschland nicht wirklich weitergeführt. Eine gekürzte Übersetzung von 1953 wird erst 1968 als Raubdruck veröffentlicht und die schlechte Übersetzung der von Adorno bzw. dem gesamten Autorenteam verantworteten Teile erst nach Adornos Tod, im Jahre 1973.

Dass die „Autoritäre Persönlichkeit“ mit ihrer Suche nach den „psychologischen Determinanten der Ideologie“ des Faschismus unterging, war auch Resultat der weltpolitischen Entwicklung seit Beginn der 1950er-Jahre: Die Studie geriet in den Mahlstrom der rasanten Zunahme des Antikommunismus. In den Sozialwissenschaften boomte die Totalitarismus-These, die Kommunismus und Faschismus gleichsetzte bzw. die „braune“ Gefahr als die bewältigte und die „rote“ Gefahr als die aktuell weitaus bedrohlichere ansah. Im Klima des Kalten Krieges geriet die These einer spezifischen psychischen Anfälligkeit für den Faschismus und die Nähe dieses Syndroms zu Nationalismus und Konservativismus ins Abseits.

Gegen die F-Skala wurde nun von vielen Seiten eingewandt, sie sei einseitig nur auf rechte Ideologie zentriert und nicht in der Lage, die autoritären Strukturen der Linken zu erfassen. Dogmatismus und stereotypes Denken kennzeichne gleichermaßen Kommunisten wie Faschisten. Diese Kritik reduzierte das Konzept der „Autoritären Persönlichkeit“ auf Kognitionspsychologie.12 Die Dogmatismus-These nahm der „Autoritären Persönlichkeit“ ihre Kernaussage – die Diagnose eines psychodynamischen Zusammenhangs von emotionalen Konflikten, Abwehr und der Entwicklung faschistischer Vorurteile.

Inzwischen gilt der Ansatz als überholt, zu starr und psychologisierend mit seiner antiquierten Charakterologie, zu linear in seiner Ableitungsmechanik von der vaterlosen Gesellschaft über den autoritativen Erziehungsstil zur Entwicklung des autoritär unterwürfigen und aggressiven Charakters, zu wenig eingebunden in Gesellschaftsanalyse und nicht zu verwenden als Analyseinstrument der Dynamik neuerer, mediengeprägter und fluktuierender radikaler Bewegungen, deren Anhänger nichts mit dem Bild des unterwürfigen, durch Konvention und moralisierende Ordnungsvorstellungen geprägten Untertanen gemein haben.

Warum möchte ich doch die Aktualität dieses Ansatzes hervorheben, obwohl ich viele Kritiken an der „Autoritären Persönlichkeit“ teile? Die Autorengruppe selber ist an ihren eigenen Ansprüchen auf Integration der heterogenen Forschungsinstrumente und theoretischen Hintergründe immer wieder gescheitert. Die Darstellung der Forschungsergebnisse wirkt disparat und unfertig. Dies ist nicht nur auf die Differenzen zwischen den Autoren zurückzuführen, sondern spiegelt auch die historischen Umbrüche nach dem Krieg, die keine kontinuierliche Zusammenarbeit mehr zuließen.13 Die Integration von Psychoanalyse, empirischer Sozialforschung und kritischer Gesellschaftstheorie blieb deshalb ein Desiderat.

Dennoch finden sich eine Reihe von wichtigen Aspekten, in denen die „Autoritäre Persönlichkeit“ bis heute aktuell bleibt. Neun davon möchte ich anführen.

1.

Immer noch finde ich wichtig, wen die Autoren als Zielgruppe der Forschung über den Faschismus ausgesucht haben: eben nicht, wie es den dämonisierenden und exkulpierenden Deutungen (Überwältigung durch Terror und Propaganda) nahekam, die Führungsriege,14 sondern die (potenzielle) Anhängerschaft, die Unterstützer, Mitläufer, Bystander, die „große Mehrheit der Bevölkerung“. So heißt es in der Einleitung: „Faschismus muß, um als politische Bewegung erfolgreich zu sein, eine Massenbasis haben. Er muß sich nicht nur die angstvolle Unterwerfung, sondern auch die aktive Kooperation der großen Mehrheit des Volkes sichern.“15 Deshalb ist es sehr wichtig zu verstehen, was in deren Köpfen und Herzen vorgeht. Ich finde es nach wie vor sehr mutig, wie jüdische Exilierte sich mit einer Haltung neugieriger Offenheit in die Psychologie der Anziehungskraft faschistischen Denkens vertieften.

2.

Aktuell ist auch die kritische Einschätzung der Wirksamkeit von Propaganda. Denn immer noch finden sich idealisierende Zuschreibungen genialischer Fähigkeiten zur Umdrehung des Gewissens an Hitler, Goebbels16 oder auch an heutige Führer extremistischer Bewegungen wie Osama bin Laden. Sie verkennen, dass Propaganda nur wirksam sein kann, wenn sie bestehende Sehnsüchte und Ängste aufgreift. Die „Autoritäre Persönlichkeit“ nahm zu einem frühen Zeitpunkt, als dieses Thema zumindest in Deutschland noch komplett tabuisiert war, die Frage nach den Ursachen der Anziehungskraft für die „ganz normalen Männer“17 und Frauen auf. Was in ihnen kommt der ideologischen Propaganda entgegen? Die „Autoritäre Persönlichkeit“ betont die aktive Rolle der Menschen – sie sind nicht Opfer der Propaganda, sondern „arbeiten ihr entgegen“18, weil sie die Ideologie für ihre psychische Ökonomie nutzen können: Ideologie kann eine wichtige Funktion in ihrem seelischen Haushalt übernehmen.

Aktuell und anregend für Forschung zu radikaler Ideologie heute finde ich die Grundthese einer Affinität von Ideologien und psychischen Strukturen. Es gibt Entsprechungen zwischen der subjektiven, höchst privaten Ebene von Erleben, Gefühlen, Konfliktverarbeitungsformen und der Anfälligkeit für faschistische Ideologie. Die Autoren formulieren ihre These in der damals gängigen Sprache der Charakterologie: „… daß die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Überzeugungen eines Individuums häufig ein […] kohärentes, gleichsam durch eine ‚Mentalität‘ oder einen ‚Geist‘ zusammengehaltenes Denkmuster bilden, und dass dieses Denkmuster Ausdruck verborgener Züge der individuellen Charakterstruktur ist.“19 Es lasse sich ein Syndrom von psychischen Strukturen und Einstellungen beschreiben, das eine Nähe zu faschistischer Ideologie impliziere.

Die Zuwendung zum Nationalsozialismus lässt sich nicht durch den Antisemitismus, Sozialdarwinismus, Ethnozentrismus oder die Führerideologie erklären. Diese Überzeugungen müssen vielmehr selber erklärt werden. Sie sind nicht einfach Kognitionen, sondern übersetzen starke emotionale Bedürfnisse in eine politische Terminologie, transferieren sie aus der Ebene persönlicher Schwäche und Not in eine höhere Sphäre überindividueller Geltung.

3.

Die Thesen der emotionalen Verankerung der Ideologie sind nach wie vor aktuell und in der Forschung nicht eingeholt. Im Gegenteil: Gerade mit der kulturwissenschaftlichen Wende findet sich wieder ein Ernst- und Wörtlichnehmen der Ideologien als kausale Begründungen, als könne zum Beispiel „der Antisemitismus“ etwas erklären, sei die Ursache für Ausgrenzung und Vernichtung. Die Fokussierung auf ideologische Positionen hatte auch am Beginn der Untersuchungen zur „Autoritären Persönlichkeit“ gestanden – die Autoren begannen mit der Untersuchung antisemitischer Vorurteile. Sie fanden dann heraus, dass Antisemitismus kein isoliertes Vorurteil ist, sondern Vorurteile sich auf viele Minoritäten beziehen und die Vorurteile sich ähneln, und dass diese Minoritätenfeindschaft mit einer Idealisierung der eigenen Nation einherging und mit politischem und ökonomischem Konservatismus korrelierte.

Diese Ausweitung des Fokus spiegelte sich in der Entwicklung von vier Einstellungsskalen. Sie bestehen aus Sätzen, denen die Versuchspersonen in Abstufungen zustimmen oder die sie ablehnen können. Ein Beispiel aus der Skala, mit der Antisemitismus gemessen werden sollte: „A major fault of the Jews is their conceit, overbearing pride, and their idea that they are a chosen race.“20 Nach der Antisemitismus (AS)-Skala entwickelten sie die „Ethozentrismus-Skala“ (E-Skala) und die „Politischer-und-ökonomischer- Konservatismus-Skala“ (PEC-Skala) und konnten die Korrelationen zwischen den Einstellungsmustern nachweisen: Wer antisemitisch war, war mit hoher Wahrscheinlichkeit generell minoritätenfeindlich, idealisierte die amerikanische Nation und wollte keine Veränderungen des „American way of life“. Darüber hinaus zeigte sich, „daß Personen, die extreme Anfälligkeit für faschistische Propaganda zeigen, sehr vieles gemeinsam haben“21, also psychische Gemeinsamkeiten aufwiesen.

Als letzten Schritt der Untersuchung von Faschismusanfälligkeit mittels Skalen entwickelten sie deshalb die F(Faschismus)-Skala, die alle Bezüge auf Minoritäten-Vorurteile vermied und auf die Diagnose dieser tieferliegenden Persönlichkeitszüge abzielte. Ihre Skalensätze sollten autoritäre Unterwürfigkeit, Aggressivität gegen Schwächere, aggressive Forderung zur Anpassung, Denken in Machtkategorien, Misstrauen, Destruktivität und Zynismus, Projektionsneigung, Ablehnung alles Subjektiven und Reflexiven, Neigung zu Aberglauben und Stereotypie und übertriebene Beschäftigung mit Sexualität messen – diese Persönlichkeitszüge betrachteten sie als Indikatoren einer Empfänglichkeit für faschistische Ideologie.22

Vor allem anderen wird der Ansatz der „Autoritären Persönlichkeit“ mit der F- Skala verbunden. Aber den Versuch zur Messung tiefliegender Charakterzüge mithilfe einer solchen Likert-Skala finde ich nicht lohnend. Benutzt man eine solche Skala, unterwirft man sich den Forderungen nach Eindeutigkeit, Zuverlässigkeit, Wiederholbarkeit, Objektivität, wie sie die empirische Sozialforschung stellt. Mit einem psychodynamischen Konzept, das auf der Ambivalenz, Widersprüchlichkeit, Spaltungsdynamik, situativen Veränderbarkeit von Erleben und Verhalten basiert, lassen sich diese Forderungen nicht einlösen. Von daher traf die zum Teil heftige Kritik der methodischen Mängel der F-Skala zu. Eine Einstellungsskala mit Sätzen zu konstruieren, die den historischen Wandel, kulturelle Differenzen sowie unterschiedliche Bildungsniveaus23 neutralisieren könnten, ist nicht möglich. Vorgegebene Sätze können dem Anspruch, Persönlichkeitstrends zu messen, per se nicht gerecht werden. Wir müssen uns verabschieden von der damals als so innovativ und brillant gefeierten Verwendung von Skalen zur indirekten Messung von faschistischen Potenzialen in der Persönlichkeit. Was bleibt dann von der „Autoritären Persönlichkeit“?

4.

Es bleibt die Grundthese der emotionalen Verankerung von Ideologie: „… lange bestehende Sehnsüchte und Erwartungen, Ängste und Unruhen (machen) die Menschen für bestimmte Überzeugungen empfänglich und anderen gegenüber resistent …“. 24

In dieser These sehe ich immer noch eine Herausforderung für die Erforschung der Motive für die Hinwendung zu radikalen, fundamentalistischen, gewaltverherrlichenden Ideologien. In der Forschung geht der Trend dahin, die Bedeutsamkeit und Handlungswirksamkeit von Ideologien durchaus offensiv zu betonen.25 Der Flyer zu unserer Tagung „Im Zeitalter der Ideologie?“ spricht von der „Virulenz und Gefahr, die von Ideologie ausgehen kann“. Und stellt die Frage: Was macht Ideologie mit Menschen?

Ideologie bekommt hier einen Subjekt-, sozusagen einen Täterinnen-Status zugeschrieben, sie kann offenbar Menschen dazu bringen, sich an Pogromen oder Massenvernichtung zu beteiligen. Diese Auffassung beinhaltet eine Reifizierung und Ontologisierung von Ideologie. Sie kann die Frage nicht klären, warum Ideologien für Menschen Bedeutung gewinnen können, oder wie es in der „Autoritären Persönlichkeit“ heißt: Warum werden bestimmte Propagandalügen zu bestimmten Zeiten von bestimmten Personen und Gruppen geglaubt? Die sozialpsychologische Antwort der „Autoritären Persönlichkeit“ und anderer NS-Analysen aus dem Umfeld der Kritischen Theorie lautet: Die NS-Ideologie und -Politik versprach in einer historischen Krisensituation eine Antwort auf Wünsche und Ängste. NS-Ideologie antwortet auf Bedürfnisse, die aus lebensgeschichtlichen wie gesellschaftlichen Erfahrungen von Restriktion, Gewalt, Kränkung herrühren.

Die Weimarer Krisensituation ließ die Gefühle von Ohnmacht, Angst, die Bedürfnisse nach Schutz und symbiotischer Harmonie und ebenso die Wünsche nach Rebellion, sexueller Befreiung, aggressiver Expansion und Rache besonders virulent werden. Die Schmach von Versailles, die Dolchstoßlegende, die jüdische Weltverschwörung, gegen die man mit dem Rücken zur Wand auf Leben und Tod kämpfen muss – diese NS-Parolen konnten nur wirken, weil sie eine Entsprechung in der inneren Welt der Anhängerschaft fanden. Die Formulierung als politische Ideologie rationalisiert und überhöht die nicht akzeptablen Gefühle von Neid, Beschämung, Demütigung, Hass zu einer nationalen Pflicht. Die Juden und andere Minoritäten werden unter Entlastung des Über-Ichs als Objekte von Hass freigegeben, die Herrenmenschen-Ideologie ermöglicht narzisstische Triumphe ohne Leistung und ohne schlechtes Gewissen, die Idealisierung von Rache für Demütigung (Versailles) erlaubt den Genuss an Vernichtungsfantasien, der Führermythos legitimiert kindliche Geborgenheits- wünsche und Partizipation an Größe. Dabei macht die NS-Ideologie besonders starke Angebote zur Kompensation von Ohnmachtsgefühlen, Antisemitismus, Sozialdarwinismus, Ultranationalismus, der mit „Volk ohne Raum“ begründete Expansionismus, die Leugnung der Niederlage, der Führerkult, die Konzeption des arischen Herrenmenschen – die NS- Ideologie verkehrt Erfahrungen von Demütigung, Entwertung und Beschämung in ihr triumphales Gegenteil.

Adorno zeigt in seiner Auswertung der klinischen Interviews zum Thema Antisemitismus, wie das antisemitische Vorurteil in die Konfliktdynamik der Personen eingebaut wird und der Angstabwehr oder Wunscherfüllung dient. Schon Freud hatte die Bindung an Religion oder politische Ideologie als Möglichkeit zur „Schiefheilung mannigfacher Neurosen“26 bezeichnet.

5.

Psychodynamische Ähnlichkeiten im Minoritätenhass, „der ,funktionale‘ Charakter des Antisemitismus“27 – auch diese These der „Autoritären Persönlichkeit“ finde ich von großer Aktualität etwa im Angesicht der Debatten um die Vergleichbarkeit von Islamfeindschaft und Antisemitismus.

Es zeigte sich, dass die isolierte Untersuchung des Antisemitismus Erkenntnis versperrte und die Forscher begannen, „die Beziehungen minoritätenfeindlicher Vorurteile zu umfassenderen ideologischen und charakterologischen Konfigurationen zu untersuchen. So verschwand der Antisemitismus nach und nach fast völlig aus unseren Fragebogen“.28 Erst diese Öffnung und thematische Ausweitung der Untersuchungen ermöglichte die Entdeckung der Kovarianzen zwischen den verschiedenen Vorurteilen. Die These Adornos ist: Rechtsradikale, fundamentalistische religiöse oder politische Ideologien lassen sich als kaum verdeckte Rationalisierungen von ähnlichen psychischen Konfliktlagen verstehen. Adorno nennt dies den „,funktionalen‘ Charakter des Antisemitismus […], das heißt seine relative Unabhängigkeit vom Objekt“. 29

In den Interviews zeigt sich nicht nur, dass „die Befragten unseres samples zahlreiche andere Ersatz-Objekte für die Juden finden“, sondern auch, dass den Minoritäten häufig dieselben negativen Eigenschaften zugeschrieben werden – ein Beleg für die psychodynamische Funktion des Vorurteils. Es stützt die These, „dass die – weitgehend unbewusste – Feindschaft, die aus Versagung und Repression resultiert und sozial vom eigentlichen Objekt abgewandt wird, ein Ersatzobjekt braucht“30. Die psychische Disposition ist starr und folgt einer psychischen Notwendigkeit, die Auswahl dieses Ersatzobjektes behält jedoch immer etwas Zufälliges, Willkürliches.31

Die Belege aus den Interviews „für den ‚funktionalen‘ Charakter des Antisemitismus und für die relative Leichtigkeit, mit der das Vorurteil von einem Objekt zum anderen gleitet“32, scheinen geeignet, die historisch immer wieder zu beobachtende Auswechslung oder Ausweitung von Hassobjekten verstehbar zu machen. Sie zeigte sich selbst im monomanisch auf den Antisemitismus fixierten Nationalsozialismus. Für die Unersättlichkeit der Feindproduktion lassen sich deutliche Belege in den letzten Jahren des NS- Regimes finden. Nach der Deportation der Juden erweiterte und entgrenzte sich die Feindproduktion und bedrohte immer mehr Gruppierungen innerhalb der „Volksgemeinschaft“ als „gemeinschaftsfremd“.

Mit der großen Bedeutsamkeit von Minoritätenhass zur Sanierung des psychischen Haushalts erklären sich sowohl strukturelle Ähnlichkeiten als auch die Anziehungskraft radikaler Ideologeme. Sie teilen eine manichäische Weltdeutung, Überhöhung der Eigengruppe, Schlecht-gut-oben- unten-Aufteilung der Welt, Sucht nach Feinden, Legitimierung von Rache und Gewalt, Sehnsucht nach Symbiose und Säuberung des Innenraums durch Ausmerzung, Fantasien eigener Größe und des eigenen Opfer-Märtyrerstatus, Konstruktion der Feinde als übermächtige Verfolger und verachtenswerte Schwächlinge zugleich, eine apokalyptische, von Angst und Misstrauen geprägte Weltsicht, die Zerstörung als Voraussetzung der Geburt einer idealen Welt sieht.

Die These vom „funktionalen Charakter des Antisemitismus“ und seiner „relativen Unabhängigkeit vom Objekt“ ist nie wirklich angenommen worden. Die gleichartige psychodynamische Funktionalität des Vorurteils – gegenüber unterschiedlichen Minoritäten – relativiert die Behauptung der Einzigartigkeit und fundamentalen Andersartigkeit des Antisemitismus. Nach dem Holocaust erschien diese These zu anstößig. Seither wird der Antisemitismus sorgfältig abgetrennt vom Rassismus und anderen Vorurteilen gegen Minoritäten.

6.

Fast alle Kritiker der „Autoritären Persönlichkeit“ – egal aus welchem Lager, seien es empirische Sozialforscher, konservative oder kritische Gesellschaftstheoretiker – fassen die Kernaussage so zusammen: Die „Autoritäre Persönlichkeit“ erklärt den Nationalsozialismus mit der autoritären Charakterstruktur, die durch ein autoritäres Erziehungsverhalten entsteht. Dieses Deutungsmuster wird dann als purer Psychologismus zurückgewiesen, als simplifizierend und empirisch nicht begründbar. Der Papiertiger wird erst aufgebaut und dann vernichtet.

Die Forschergruppe problematisiert selbst ausführlich ihre Verwendung eines statischen Charakterbegriffs (als Verdinglichung) und verweist immer wieder darauf – schließlich sind sie ihrem marxistischen Selbstverständnis noch recht treu –, dass selbstverständlich sozioökonomische Faktoren die Entstehung faschistischer Regime bedingen und die Suche nach psychologischen Determinanten lediglich ermöglichen soll, die unterschiedliche Zustimmungsbereitschaft zu klären. „Nie jedoch ließen wir zweifeln am Vorrang objektiver Faktoren über psychologische.“33 Adorno entschuldigt sich für das Übermaß an Psychologie. Die Psychologie und insbesondere die Sozialpsychologie sollten jedoch auch in ihren analytischen Möglichkeiten geschätzt werden, die subjektive Aneignung von Gesellschaft und von Ideologie verstehbar zu machen. Im speziellen Fall der NS-Ideologie finde ich die psychodynamische Analyse unverzichtbar, weil diese selbst bereits in Begriffen von Emotion und Erlebnis formuliert ist und man von einem Psychologismus der NS- Weltanschauung sprechen kann.34

7.

Die Kritik am starren Charakterbegriff und an der linearen Herleitung aus der autoritären Erziehung des entmachteten Patriarchen in der vaterlosen Gesellschaft halte ich für im Prinzip berechtigt, wiederum übertreibt sie jedoch den Stellenwert dieser Thesen in der „Autoritären Persönlichkeit“.

Charakterologie vs. Regression: Die Engführung der Entstehung autoritärer Dispositionen auf die Früh-Sozialisation in der bürgerlichen Familie ist kritikabel,35 sie lässt sich auch historisch-empirisch nicht halten. Sie überschätzt die unbewusste Verwurzelung und Stabilität der psychischen Organisation, die für den Faschismus empfänglich macht.

Aber die Beschreibung der Psychodynamik der Bereitschaft zu Vorurteil und Hass bleibt zutreffend, auch wenn man die Charakterologie und die Thesen frühkindlicher Charaktersozialisation ablehnt: Psychische Regression kann uns alle dazu bringen, in Situationen von Krise und Angst in Alles-oder-nichts-Denken, in Freund-Feind-Schemata zu verfallen und in Racheszenarios zu schwelgen. Die Verführbarkeit durch die Verwendung dieser Abwehroperationen trifft uns alle. So konstatiert der Psychoanalytiker Rainer Krause: „In bestimmten regressiven Situationen, die man durch die Trias Scham-Wut, Demütigung und verbliebene Ressourcen sowie eine pathologische Führungssituation charakterisieren kann, sind wir leider alle genug ,Krieger‘, um das Potential für Mord und Totschlag prinzipiell handlungsrelevant werden zu lassen.“36

Autoritarismus und Narzissmus: Die Rezeption der „Autoritären Persönlichkeit“ ist eingeschränkt auf das Thema der Autoritätsbindung. Die Konzeption des autoritären Charakters bzw. des „klassischen“ autoritären Syndroms stellt die masochistische Unterwerfungslust und Partizipation an der unbeschränkten Macht der Führung sowie das sadistische Ausleben der projizierten Aggression gegenüber Schwächeren in den Vordergrund. Zwar lassen sich bei der deutschen Anhängerschaft Hitlers durchaus Beispiele für die Wirksamkeit dieser Dynamik von Unterwerfungslust und autoritärer Aggression finden. Der Führersehnsucht und dem Hitlermythos kommen große Bedeutung für das psychische Funktionieren des NS-Regimes zu. Aber für verbreiteter halte ich frühinfantile narzisstische Motive, insbesondere auch Spaltungsmechanismen, Symbiosesehnsüchte, Idealisierung des Selbst und massive Projektion von Aggression. Diese archaischen psychischen Mechanismen sind reaktivierbar in Zeiten, in denen Identität und Sicherheitsgefühle bedroht sind, sie können politisiert und durch gesellschaftliche Mächte verstärkt werden.

Diese Mechanismen werden auch in der „Autoritären Persönlichkeit“ als Phänomene beschrieben, aber nicht benannt, entsprechend der damals auf Ödipalität und Ich-Stärkung zentrierten Psychoanalyse.37 Erst recht scheinen die Anhänger moderner radikaler ideologischer Bewegungen nicht in das Bild des ängstlich um Anpassung an Mittelstandswerte, auf Unterordnung unter Führer zentrierten „klassischen“ autoritären Charakters zu passen. Das in der „Autoritären Persönlichkeit“ zentrale Motiv des Konventionalismus ist in der pluralisierten und individualisierten Gesellschaft so nicht mehr möglich. 38

Nachdem ich die F-Skala für unbrauchbar erklärt habe, nehme ich jetzt noch den „Autoritären Charakter“ und seine Psychogenese dazu, deren Gültigkeit ich zwar nicht anzweifle, aber in ihrer Erklärungskraft stark relativiere. Regression in der Krise scheint mir viele der in der „Autoritären Persönlichkeit“ beschriebenen Mechanismen zu erklären.

8.

Allerdings löst Adorno in der „Autoritären Persönlichkeit“ die einseitige Konzentration auf den klassisch genannten autoritären Charakter selbst auf und nimmt im Kapitel „Typen und Syndrome“ eine Differenzierung der Motive vor, die für faschistische Ideologie anfällig machen könnten. Er bricht die Eindimensionalität des Modells „Autoritärer Charakter“ auf und weist darauf hin, dass der historische Wandel andere Charaktertypen favorisieren wird, die nicht mehr so stark einer personalen Bindung bedürfen wie der autoritäre. Die von Adorno aus dem Interviewmaterial heraus entwickelten unterschiedlichen Typen von „potenziellen Faschisten“ können auch heute Forschungsfragen zu den Mitgliedern oder Sympathisanten ideologischer Bewegungen begründen.

Neben dem autoritären Syndrom arbeitet Adorno weitere „Syndrome der Vorurteilsvollen“ heraus. Die sechs Syndrome nennt er: Oberflächenressentiment, das „konventionelle“ Syndrom, das „autoritäre“ Syndrom, der Rebell und der Psychopath, der „Spinner“, der „manipulative“ Typus.

Er beschreibt die unterschiedliche Tiefe der Bindung an die faschistische Ideologie – sie kann so oberflächlich sein, dass sie bei einem Machtwechsel ohne emotionale Rückstände durch andere politische Gehalte ersetzt werden kann (so beim konventionellen Syndrom), oder Vorurteil und Hass können für die Psyche unverzichtbar sein, „der Autoritäre muß … verurteilen, er wird getrieben“,  er „muß … seine Aggression aus innerer Notwendigkeit gegen die Feindgruppe richten“ (so beim „klassischen“ autoritären Charakter).39

Dann differenziert Adorno unterschiedliche Motive, die die Anziehungskraft des Faschismus für verschiedene Personen ausmachen: Im Zentrum stehen können die Faszination von Allmachtsfantasie und ungebremstem Ausleben von Gewalt (bei dem „Psychopath“ genannten Typus), die Erlaubnis zur verbotenen Aggression („Autoritärer Charakter“), die Legitimation und politische Umdeutung eigener Paranoia („Spinner“), die Fanta- sie unbegrenzter Machbarkeit und Manipulierbarkeit beim „manipulativen Charakter“ (den Adorno als den Typus der Zukunft ansah, und die Faszination von entgrenzter Macht erweist sich in neuen NS-Untersuchungen als extrem bedeutsamer Motivationsfaktor). Es ist wichtig, zu unterscheiden, ob eher Leidenschaften und Wünsche oder kalter Hass die libidinöse Besetzung dominieren, ob im Faschismus vor allem Sicherheit, Geborgenheit und symbiotisches Aufgehen in der Gemeinschaft gesucht werden.

9.

Aktuell sind schließlich das psychodynamische Denken und das Zulassen von Widersprüchen in der Analyse extremer Ideologie. Dies  wird  vor  allem  in den Teilen der Studie deutlich,  die sich nicht mit der statistischen Absicherung der Einstellungsskalen mühen und schließlich ihr Scheitern daran eingestehen: Mit der F-Skala ließen sich zwar Einstellungsmuster nachweisen, nicht jedoch, dass diese Muster auf charakterlichen Konstellationen basieren.40 Diese Zusammenhänge zwischen aggressiv fremdenfeindlichen, ethnozentrischen und antisemitischen Einstellungen zu psychischen Abwehrformationen werden vielmehr schlüssig nachgewiesen in den Analysen der klinischen Interviews, den Auswertungen der „Projektiven Fragen“ und des „Thematischen Apperzeptions- Testes“. Es sind vor allem diese Teile der „Autoritären Persönlichkeit“, insbesondere die Interviewauswertungen durch Else Frenkel-Brunswik und Theodor W. Adorno41, die durch ein Sich-Einlassen auf die Interviews und eine induktive Herangehensweise die Funktion der „Weltanschauung“ im psychischen Haushalt nachvollziehbar machen.

An vielen Beispielen aus den Interviews werden die starre Abwehr von Schwäche und Aggression und die Unmöglichkeit, konflikthafte Gefühle zuzulassen, deutlich sichtbar. Ich-Schwäche, eine umfassende Projektionsneigung und Unfähigkeit zum Ertragen von Ambivalenz gelten als zentrale Merkmale der autoritären Persönlichkeit. Konflikthafte und gegensätzliche Gefühle bleiben abgespalten nebeneinander bestehen. Gerade dieses Merkmal hat eine Entsprechung in der  Widersprüchlichkeit der NS-Ideologie: Sie erlaubt, widersprüchliche regressive Bedürfnisse zu erfüllen – das Bedürfnis nach Sicherheit und Verweigerung von Autonomie, gleichzeitig den Wunsch nach Grenzüberschreitung und expansivem Exzess; die Fantasie eigener Allmacht und Herrenmenschentums und die Identifikation mit der Position des unschuldigen Opfers; die Selbstidealisierung einer überlegenen Moralität und das reuelose Ausleben von Rache und Vernichtungswünschen. „Die psychische Dynamik, die nach dem antisemitischen Vorurteil ‚verlangt‘, … ist im wesentlichen … die Ambivalenz autoritärer und rebellischer Neigungen.“ 42

Die weiträumige Abwehr von Angst durch Spaltungsmechanismen lässt die Widersprüche der Ideologie unbehelligt nebeneinander stehen. Sie erklärt die Koexistenz von Unterwerfungsbereitschaft und autoritärer Aggression, von Verachtung für Schwäche und der eigenen Tendenz, sich als Opfer zu sehen, von Idealisierung und Hass gegenüber den Eltern. Dass widersprüchliche Einstellungen und Verhalten eben demselben psychischen Mechanismus der Spaltung folgen und deshalb nebeneinander oder nacheinander existieren können, widerspricht allen gängigen Vorstellungen von Wissenschaft und hat schon immer der Psychoanalyse einen zweifelhaften Ruf verschafft, sie würde nach dem Motto verfahren „tails you lose, heads I win“. Also wird mit der Forderung nach Eindeutigkeit, Einlinigkeit, Vorhersagbarkeit der gesamte Ansatz der „Autoritären Persönlichkeit“ verworfen.

Die psychischen Konflikte und Widersprüche lassen sich nicht durch Skalensätze in einer sauber quantifizierbaren und trennscharfen Form einfangen. In den Interviewauswertungen finden sie Raum. Sie sind auch für den Psychoanalyse-Kritiker lesbar, eben weil sie ihre Hypothesen aus den Antworten entwickeln und es einem leicht machen, ihre Deutungen nachzuvollziehen oder eben auch nicht. Ich wünsche mir, dass solche Interviews auch mit Neonazis, IS-Anhängern, fremdenfeindlichen Aktivisten geführt und ausgewertet würden.

In den Arbeiten, die eine Einschätzung der Validität des Konstrukts des „Autoritären Charakters“ vornehmen, tauchen diese 400 Seiten fast nicht auf. Das hat wohl auch mit einer Abwehr des psychoanalytisch inspirierten Vorgehens zu tun, gerade weil es Gewissheiten eher auflöst, die Ambivalenz und Widersprüchlichkeit psychischer Motive hervorhebt.

Eine gängige Kritik an der „Autoritären Persönlichkeit“ ist, mit der Diagnose autoritärer Züge in der Persönlichkeit oder mit hohen Punktwerten auf der F-Skala sei keine saubere Prognose rechtsradikaler Einstellungen oder Verhaltensweisen möglich. Allerdings verfehlt diese Kritik den Ansatzpunkt der „Autoritären Persönlichkeit“, die gerade die Abhängigkeit der Einstellung wie des Handelns von strukturell gesellschaftlichen Machtkonstellationen wie situativen Faktoren zum Ausgangspunkt ihrer Untersuchung von Potentialitäten gemacht hatte. Ob Angst, Hass und Projektionsneigung sich überhaupt in einer ideologischen Radikalisierung niederschlagen oder ganz private Ausdrucksformen in Putzwahn, Paranoia, Suff oder Autoaggression finden, ist nicht vorhersagbar. Das macht den Zusammenhang nicht weniger bedeutsam. Der Begriff Ambiguitätstoleranz ist einer der zentralen Positivbegriffe der „Autoritären Persönlichkeit“ – sie nutzt dem Forscher ebenso wie dem Praktiker.

Können wir etwas lernen aus der „Autoritären Persönlichkeit“, wie Handeln gegenüber Rechtsradikalismus, Islamismus etc. aussehen könnte?

Die Autoren sind davon überzeugt, wie nützlich es ist, über die emotionale Verankerung von Ideologie zu wissen, schon als Schutz vor Naivität und überhöhten Erwartungen. Sie geben keine pädagogischen oder sozialreformerischen Tipps und äußern ihre Skepsis gegenüber kognitiv-aufklärerischen Initiativen. Sie plädieren für Vorgehensweisen, die „an increase in peoples capacity to see themselves and to be themselves“43 zur Folge haben können – das ist doch ein deutlicher Vorgriff auf die Prinzipien von Respekt und emotionaler Akzeptanz in der Arbeit von Violence Prevention Network mit radikalisierten Jugendlichen.

 

 

DIE AUTORIN

Dr. Gudrun Brockhaus ist Dipl.-Psychologin und Dipl.-Soziologin, sie arbeitete von 1977-2007 als wissenschaftliche Angestellte im Bereich Reflexive Sozialpsychologie der LMU München und ist niedergelassene Psychoanalytikerin. Sie forscht und publiziert zu Themen der Politischen Psychologie.

 

Endnoten

1 Theodor W. Adorno, Else Frenkel-Brunswik, Daniel J. Levinson, R. Nevitt Sanford: The Authoritarian Personality. Harper und Brothers, New York 1950. Im Folgenden wird das Buch zitiert als „Autoritäre Persönlichkeit“.

2 Von heute aus, aber wohl auch aus der damaligen Sicht der amerikanischen Mehrheitsgesellschaft, scheint diese Angst übertrieben, nicht realitätsgerecht. Sie hängt mit der Situation des Exils, des Vertriebenseins, Ausgestoßenseins, Beschädigtseins zusammen, wie Adorno sehr klar in seinen fast zeitgleich – 1944 – entstandenen Reflexionen über das Exil konstatiert: Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Frankfurt: Suhrkamp 1969 (Orig. 1951). Die Exilanten können sich selber aus der Angst nicht entlassen.

3 Zitiert nach Theodor W. Adorno: Studien zum autoritären Charakter (hrsg. von Ludwig von Friedeburg). Frankfurt: Suhrkamp 1973, S. 5. Hier handelt es sich um die deutsche Übersetzung nur der von Adorno (mit-)gezeichneten Beiträge der „Autoritären Persönlichkeit“. Sie enthält die einführende Konzeption der Studie, die Konstruktion der F-Skala sowie Adornos Auswertung der Interviews, im Folgenden zitiert als AP 73.

4 AP 73, S. 2.

5 AP 73, S. 1.

6 AP 73, S. 14.

7 AP 73, S. 5.

8 Max Horkheimer: Introduction. In: The Authoritarian Personality, S. X.

9 Max Horkheimer, Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Frankfurt: S. Fischer 1969 (Orig. 1944).

10 Ludwig von Friedburg: Einleitung, in AP 73, S. IX–XI, hier S. IX.

11 Vgl. die Darstellung von Jochen Fahrenberg, John M. Steiner: Adorno und die autoritäre Persönlichkeit. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 2004, Band 56, S. 127–152.

12 Zum Beispiel Milton Rokeach: The Open and Closed Mind: investigations into the nature of belief systems and personality systems. New York: Basic Books 1960. Diese Reduktion des Konzepts auf die These einer defizitären kognitiven Struktur bediente vor allem ideologische Bedürfnisse, so Detlef Oesterreich: Flucht in die Sicherheit. Zur Theorie des Autoritarismus und der autoritären Reaktion. Leske und Budrich, Opladen 1996.

13 Zum Beispiel wird das psychologistische Missverständnis befördert, weil die soziologische Rahmenanalyse eher plakativ beschworen, jedoch nicht eingearbeitet wird.

14 Natürlich ist die Erforschung der Führer und der Propaganda nicht unwichtig. In den „Studies of Prejudice“ gibt es auch dazu Forschungen, die die Propagandatechniken amerikanischer Führer von faschistischen Bewegungen in ihren Reden und Schriften untersuchte. Adorno, Theodor W.: Die psychologische Technik in Martin Luther Thomas’ Rundfunkreden. In: AP 73, S. 360–483 Löwenthal, Leo: Falsche Propheten. Studien zum Autoritarismus. Schriften 3. Frankfurt: Suhrkamp (Orig. 1948).

15 AP 73, S. 13.

16 Zum Beispiel bei Guido Knopp: Hitlers Helfer. München: Bertelsmann 1996.

17 Man erinnere sich, welche Furore das Buch Christopher Brownings mit diesem Titel bei seinem Erscheinen noch im Jahr 1993 machte. Christopher R. Browning: Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizei-Bataillon 101 und die „Endlösung“ in Polen. Reinbek: Rowohlt 1993.

18 Um den Ausdruck von Kershaw aufzugreifen: „dem Führer entgegenarbeiten“, mit dem er dieses aktive Mitgestalten im NS beschreiben will. Ian Kershaw: Hitler. 1936–45. München: Deutsche Verlags-Anstalt 2000.

19 AP 73, S. 1.

20 Satz 4 aus der Antisemitismus-Skala, The Authoritarian Personality, S. 63.

21 AP 73, S. 2.

22 Gegen die Konstruktion dieser „Variablen“ des autoritären Syndroms, die die F-Skala zu messen vorgibt, lassen sich schwerwiegende Einwände vorbringen. Die Variablen liegen auf ganz unterschiedlichen Analyseebenen. Autoritäre Unterwürfigkeit oder Aggression beschreiben Verhaltensweisen, Projektivität einen psychodynamischen Abwehrmechanismus, Anti-Intrazeption eine Einstellung.

23 Es zeigte sich, dass die Skalensätze von vielen weniger Gebildeten offenbar nicht verstanden wurden bzw. dass sie keine Meinung zu den nachgefragten Themen hatten.

24 AP 73, S. 13.

25 Heute – so Decker/Brähler 2005 – „fokussiert die Forschung nicht mehr auf autoritäre Charakterstrukturen, sondern stärker auf rechtsextreme Einstellungen. Auch ist die Diskussion weniger von sozialpsychologischen als von politik- bzw. sozialwissenschaftlichen Konstrukten geprägt.“ Oliver Decker, Elmar Brähler: Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 42/2005), URL: www.bpb.de/publikationen/PA9IIE.html.

26 Sigmund Freud: Massenpsychologie und Ich-Analyse, Frankfurt/M. o. J., (Orig. 1921), S. 159.

27 So die Überschrift des Kapitels in AP 73, S. 110–115.

28 AP 73, S. 105.

29 AP 73, S. 109.

30 AP 73, S. 108.

31 Dennoch kann der potenzielle Faschist sich in einer Art negativen Verliebtheit auf ein einziges Objekt des Hasses fixieren, um „seine sonst frei schwebende Aggression“ zu kanalisieren (AP 73, S. 113).

32 AP 73, S. 115.

33 Theodor W. Adorno: Wissenschaftliche Erfahrungen in Amerika. In: Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften. Bd. 10.2, Suhrkamp, Frankfurt 2003, S. 702–738, hier S. 721 f.

34 Diese Überlegung ist ausgeführt in Gudrun Brockhaus: „Die Phrase hat Blut getrunken und lebt“. Zur Aktualität früher NS-Analysen. In: Gudrun Brockhaus (Hg.): Attraktion der NS-Bewegung. Essen: Klartext 2014, S. 95–114.

35 Die Ableitungsformel ist zu linear: Zerstörung des Konkurrenzkapitalismus durch Monopolisierung – vaterlose Gesellschaft – autoritative Erziehung durch den entmachteten Patriarchen – Ausbildung von Ich-Schwäche und externalisiertem Über-Ich.

36 Rainer Krause: Affektpsychologische Überlegungen zur menschlichen Destruktivität. Psyche, Z-Psychoanal 55, 2001, S. 934–960, hier S. 956.

37 Das Fehlen einer ausformulierten Narzissmustheorie und die gleichwohl große implizite Bedeutung des Narzissmuskonzeptes in der „Autoritären Persönlichkeit“ beschreibt Manfred Clemenz: Aspekte einer Theorie des aktuellen Rechtsradikalismus in Deutschland. Eine sozialpsychologische Kritik. In: Hans-Dieter König (Hrsg.): Sozialpsychologie des Rechtsextremismus. Frankfurt: Suhrkamp 1998, S. 126–176.

38 Oliver Decker versucht das Konzept des Autoritarismus für die Analyse des aktuellen Rechtsextremismus in Deutschland zu retten, aber mit der personalen Bindung verliert es das Spezifische: Oliver Decker: Narzisstische Plombe und sekundärer Autoritarismus. In: Oliver Decker, Johannes Kiess, Elmar Brähler (Hg.): Rechtsextremismus der Mitte und sekundärer Autoritarismus. Gießen: psychosozial 2015, S. 21–34.

39 AP 73, S. 52.

40 „Ob wir den zweiten mit der F-Skala verfolgten Zweck erreicht haben – ein Instrument zu schaffen, mit dem die in der Charakterstruktur begründete Anfälligkeit des Individuums für den Faschismus bewiesen werden kann –, muß noch bewiesen werden.“ (AP 73, S. 101).

41 Else Frenkel-Brunswik: Part II: Personality as Revealed Through Clinical Interviews, S. 291–488, Band 1, Theodor W. Adorno: Part IV: Qualitative Studies of Ideology, S. 603–785, Band 2 The Authoritarian Personality.

42 AP 73, S. 110.

43 The Authoritarian Personality, Band 2, S. 975.