Worauf es bei der Deradikalisierung im Justizvollzug ankommt

Faktoren wirksamer Konzepte gegen Gewalt, Fremdenfeindlichkeit, Extremismus und Fundamentalismus – Deradikalisierung im Strafvollzug

Von THOMAS MÜCKE

Was genau braucht es eigentlich, damit junge Menschen, die wegen ideologisch motivierter Gewalttaten inhaftiert sind, ihr Gewaltverhalten verstehen und ändern? Was brauchen sie, um zu lernen, Konflikte gewaltfrei zu lösen, das Grundrecht auf Menschenwürde und Unversehrtheit zu akzeptieren, Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen und ihre Zukunft eigenverantwortlich zu gestalten?

Das Trainingsprogramm „Verantwortung übernehmen – Abschied von Hass und Gewalt“1 richtet sich an jugendliche Gewaltstraftäter, die sich dem gesellschaftlichen Diskurs mit demokratiedistanzierten Einstellungen zunehmend verschlossen haben. Die Verantwortungspädagogik®, auf der das Trainingsprogramm beruht, geht von folgenden Axiomen aus: Menschen können ihr Verhalten ändern, aber dazu bedarf es bestimmter (erlernbarer) Fähigkeiten – zum Beispiel der Empathie. Eine Verhaltensänderung kann nicht auf Konditionierung basieren, sondern ist immer das Ergebnis von Erkenntnis. Motivation und Rechtfertigungsmuster für eine Tat sind während der Aufarbeitung ebenso relevant wie die Tat selbst. Einer der wichtigsten Anreize für eine Veränderung verkörpert sich in der Person der TrainerInnen bzw. in der Beziehung, die sich zu ihnen gestaltet.

Was heißt das konkret für ein Programm, das versucht, junge Menschen zu einer Verhaltensänderung zu bewegen?

Um nicht nur Gewaltmuster (Verhaltensebene) abzubauen, sondern auch die dahinterliegenden Gewaltideologien (Einstellungsebene), muss sowohl die Verhaltensebene als auch die Einstellungsebene einbezogen werden. Es gilt, Anti-Gewalt-Training und politische Bildungsarbeit komplementär anzubieten, nicht nur die Tat zu thematisieren, sondern auch die Motivation zu hinterfragen.

Oft führen soziale und familiäre Desintegrations- und Enttäuschungserfahrungen, geringe Akzeptanzgefühle und problematische Cliquendynamiken dazu, dass Jugendliche sich in der Identitätsbildung extremistische, fundamentalistische/traditionalistische und gewaltaffine Einstellungen aneignen. Um diese „Radikalisierung von Restidentitäten“ zu verhindern, ist es umso wichtiger, Geschichte und Lebenswelten der Jugendlichen nicht nur im Kontext ihres abweichenden Verhaltens und ihrer Misshandlungs- und Demütigungserfahrungen zu thematisieren, sondern auch hinsichtlich vorhandener Kompetenzen und Ressourcen.

Um eine selbstreflektierte (nicht konditionierte) Veränderung auszulösen, Verstehen zu ermöglichen (nicht Verständnis) und Handlungen zu erklären (nicht zu rechtfertigen) bedarf es der wertschätzenden Akzeptanz der Teilnehmer, der verlässlichen Beziehungsarbeit und der ständigen Bereitschaft zur dialogischen Auseinandersetzung – kurz: einer demütigungsfreien Nachsozialisation. Gegenstand der Kritik ist dabei immer das (Gewalt)Verhalten, nicht der Teilnehmer.

Eine Verhaltensänderung hin zu einem verantwortungsbewussten Umgang kann nur unter Einbezug des sozialen Umfeldes, der wichtigsten Bezugspersonen und Angehörigen erfolgen. Zur Festigung und Fortführung des neu erlernten Verhaltens bedarf es der längerfristigen Betreuung über den Zeitraum der strafenden wie erzieherischen Maßnahmen hinaus.

Stärker noch als von der Methodik hängt der Erfolg – die Bereitschaft zur Verhaltensänderung – von der Person der TrainerInnen ab. Veränderungen im Verhalten und „Bewegung“ im Denken sind immer auch eine Frage der Person und Haltung der TrainerInnen und ihrer Beziehungsgestaltung zu den Jugendlichen.

 

Das Gruppentraining

Neben der Antigewaltarbeit besteht die zentrale Aufgabe der Trainingskurse in der permanenten Auseinandersetzung mit radikalisierten Positionen, extremistischen Haltungen und vorurteilsbehafteten Argumentationsketten. Das erfordert einen Ansatz, der den jeweiligen Bildungsgehalt/Lerninhalt der von den Teilnehmern selbst aufgeworfenen Themen und Kontroversen überhaupt erst identifiziert. Folgende Bausteine und inhaltliche Schwerpunkte haben sich dabei als zentral herauskristallisiert.

Biographisches Verstehen: Woher kommt der Hass? Woher kommt die Gewalt? Biographiearbeit zielt auf die Kompetenz der biographischen Verknüpfungsfähigkeit, d. h. die Fähigkeit, Lebensereignisse zu verknüpfen und heutiges Handeln selbst zu steuern und sich von alten negativen Einflussfaktoren (z. B. gewalttätige Clique) verabschieden zu können.2

Rekonstruktion der Gewalttat: In der „Gewaltsitzung“ wird die Gewalttat verlangsamt aufgearbeitet, Rechtfertigungslegenden aufgelöst, die persönlichen Entstehungsbedingungen und Risikofaktoren von Gewalthandlungen identifiziert und in einen persönlichen Sicherheitsplan integriert.

Rolle der Clique/Gruppe, die Auseinandersetzung mit dem Opfer bzw. dem Opferstatus, die Auseinandersetzung über Menschenrechte und Vorurteile, die Stärkung des Selbstwertgefühls.

Einbeziehung der Angehörigen, um gemeinsam mit ihnen für die Zeit nach der Entlassung zu klären, wo die Gefährdungspunkte liegen und welches Unterstützungspotential aktiviert und genutzt werden kann.

Das Stabilisierungscoaching – der Re- al-Life-Test: Ideologisch motivierte Denkmuster und gewaltbereites Verhalten sind tief in der Persönlichkeit der Jugendlichen verwurzelt. Für eine Ablösung brauchen sie Zeit, Unterstützung und vertrauensvolle Beziehungen. Bestimmte Wirkfaktoren haben sich hierbei als stabilisierend bzw. grundlegend erwiesen, dazu zählen u.a. die Fähigkeit zu Empathie, zur Selbstreflexion und zur Verbalisierung des eigenen Denkens, die Fähigkeit, Eigenverantwortung zu übernehmen und tragfähige Beziehungen einzugehen, und die Herausbildung eines stabilen Selbstwertgefühls. Unterstützend wirken ein strukturierter Tagesablauf, das Einbeziehen des sozialen Umfeldes, eine vorgehaltene Krisenintervention und Unterstützung bei Konfliktklärungen, der kontrollierte Umgang mit Drogen und Alkohol sowie und besonders die Distanz zu gewaltaffinen und extremen Gruppen. Nach der Entlassung liegt der Schwerpunkt daher in der begleiteten Rückkehr in das soziale Umfeld und der Strukturierung des Alltags, dem Transfer des im Training Erlernten (Real-Life-Test), dem Herstellen von stabilen sozialen Beziehungen und der Integration in Ausbildung oder Arbeit. Gerade bei Misserfolgen oder Frustrationserlebnissen ist die Gefahr groß, sich wieder den von vor der Haft vertrauten Personen zuzuwenden und in die alten Strukturen abzugleiten. Die Trainerin/der Trainer greift hier unterstützend ein und fungiert als personelle Erinnerung, um den in der Haft initiierten Prozess der Distanzierung und die Selbstkontrolle in Konfliktsituationen aufrecht zu halten bzw. neu zu aktivieren. Folgende Themen haben sich für diese Phase als zentral erwiesen:

  • Stetige Erinnerung an den persönlichen Sicherheitsplan, um erneute Gewalt- und Straffälligkeit und den Rückfall in alte Cliquenstrukturen zu verhindern
  • Unterstützung in Konfliktsituationen/ Krisenintervention in komplexen oder eskalierten Situationen
  • Arbeit und Ausbildung: z.B. Begleitung beim Erstkontakt mit relevanten Institutionen
  • Einüben des verantwortlichen Umgangs mit finanziellen Mitteln (z. B. in Form eines Finanzplans)
  • Familie und Wohnsituation: Unterstützung bei Ablösungsprozessen, bei Wahrung der Distanz zu gefährdenden Cliquen und beim Aufbau neuer und tragfähiger Beziehungen

 

ANMERKUNGEN

1 Kontinuierliche Evaluationsberichte weisen das Trainingsprogramm als einziges Programm aus, das bundesweit erfolgreich mit ideologisch motivierten jugendlichen Gewalttätern arbeitet. Violence Prevention Network ist als ein Best-Practice-Modell für Deutschland Mitglied im Gründungskomitee des Radicalisation Awareness Network der Europäischen Kommission.

2 Vgl. Mücke, Thomas 2012: Zur Notwendigkeit biographischen Arbeitens in der Antigewaltarbeit. Ein Praxiseinblick in: unsere jugend, 64. Jg., S. 204 – 212 (2012)

 

DER AUTOR

Thomas Mücke, Dipl. Pädagoge und Dipl. Politologe, ist Mitbegründer und Geschäftsführer von Violence Prevention Network.

 

Dieser Artikel erschien zuerst in: Interventionen – Zeitschrift für Verantwortungspädagogik, Ausgabe 1/2012

 

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