Fatale Attraktion ‒ Jugend und NS-Bewegung

GUDRUN BROCKHAUS | INTERVENTIONEN – Zeitschrift für Verantwortungspädagogik | Ausgabe 1/2012

Als Gründe für den zunehmenden Erfolg der Nationalsozialisten in der sog. Bewegungszeit werden oft die multiplen Krisenerfahrungen nach der Weltkriegsniederlage, die unverarbeiteten Folgen der Modernisierung angeführt. In den letzten Jahren wird statt einer sozioökonomischen Ursachensuche der Wirksamkeit der Ideologie, insbesondere des Antisemitismus das Wort geredet. Solche Thesen klären jedoch nicht die subjektive Motivation für die Hinwendung zur NS-Bewegung: warum soll sich die Erfahrung der sozioökonomischen Krise in die Unterstützung einer rassistischen, ultranationalistischen Partei umsetzen? Warum kann die paranoide Vorstellungswelt des Antisemitismus überzeugen?

Warum Sozialpsychologie in der NS-Analyse?

Die Ursachen für die zunehmende Akzeptanz einer menschenfeindlichen Ideologie und einer von Gewalt und Hass geprägten kämpferischen Praxis können nicht zureichend in ökonomischem Kalkül, rationaler Interessenvertretung und ideologischer Übereinstimmung gefunden werden. Schon in den zwanziger Jahren erkannten undogmatische Linke wie Bloch, Fromm, Reich, Benjamin, Horkheimer u.a., wie defizitär eine rationalistische Erklärung des Aufstiegs der Nazi-Bewegung bleibt. Das Parteiprogramm der Nationalsozialisten als widersprüchlich, dürftig und argumentativ haltlos zu entlarven, erschien ihnen als gefährliche Unterschätzung der emotionalen Gewalt, die die NS-Ideologie und -Praxis darstellte. Die hochmütige Desavouierung der Nazis als irrational und dumm hat vor allem Ernst Bloch schon früh als ebenso nutzlos wie falsch kritisiert, er bezeichnet den Umgang der Linken mit den Nazis als „kalt, schulmeisterlich, nur ökonomistisch“.1 Damit würde negiert, dass die Abkehr von kühler Rationalität durchaus lustvoll und gewollt geschieht. Bloch zitiert den Ausruf eines jungen Nazis:

„Man stirbt nicht für ein Programm, das man verstanden hat, man stirbt für ein Programm, das man liebt.“2

Heute wird der Einfluss irrationaler Motive vor allem dann angeführt, wenn es um das Verständnis von Massensituationen und Hitler-Reden geht. Dann ist die Rede von der massenpsychologischen Suggestivkraft der Propaganda. Jedoch wird die Wirkungskraft der Masseninszenierungen oft überschätzt und v. a. Goebbels als teuflisch geschickter Propagandist idealisiert, und damit die hymnische Selbstdarstellung der Nazis übernommen. Jedoch ist keine massenpsychologisch informierte Technik in der Lage, Zustimmung zu beliebigen Inhalten zu erzeugen und eine Art „Gehirnwäsche“ vorzunehmen. Vielmehr wirkt die faschistische Agitation so gut, weil sie vorhandenen Wünschen und Ängsten der Menschen entgegenkommt.

Das Angebot der NS-Bewegung entsprach spezifischen emotionalen Bedürfnissen, die durch die sozioökonomischen Krisen nach dem Ersten Weltkrieg verstärkt wurden. Die These eines Zusammenhangs von psychischen Dispositionen und Nazi-Weltanschauung bestätigte sich auch in den im Exil entstandenen Arbeiten von Adorno (1980) und Löwenthal (1990) über faschistische Agitatoren. Der Erfolg der faschistischen Propaganda beruht darauf, dass „Sehnsüchte und Erwartungen, Ängste und Unruhen die Menschen für bestimmte Überzeugungen empfänglich und anderen gegenüber resistent machen“.3 Der Propagandist kann sie nicht erzeugen, sondern er bringt diese Sehnsüchte und Ängste nur zur Darstellung, akzentuiert und verstärkt sie.

Vielleicht gilt für jedes politische Programm, dass es zu einem gewissen Ausmaß eine in die Sprache der Politik übersetzte Formulierung emotionaler Bedürfnisse ist. Die Psychologisierung hat jedoch in der NS-Ideologie einen zentralen Stellenwert.

Die NS-‚Weltanschauung’ verweigert sich der Abstraktheit und funktionalen Differenziertheit der Gesellschaft und entwirft ein quasifamiliales Bild der Volksgemeinschaft. Die Rede vom Vaterland, der Muttersprache, dem Volkskörper, der sich rein halten muss vom jüdischen Gift, von Deutschland als der geschändeten Mutter, die gerächt werden muss, dem Führer als allwissendem und potenten väterlichen Herrscher bestätigen die Verleugnung zentraler Entwicklungsprozesse moderner Gesellschaften. Politik wird personalisiert und privatisiert. Zugleich rücken Kategorien der Persönlichkeitspsychologie zu zentralen politischen Inhalten und Zielen der NS-Welt auf: Wille, Stolz, Ehrgefühl, Rache für Demütigung, Hass, Trotz, Fanatismus. In Parolen wie „Unsere Ehre heißt Treue“ oder „mehr sein als scheinen“ fungieren solche Charaktertugenden als politische Zielformulierungen.

Politik fast ausschließlich über Erlebnisqualitäten zu vermitteln, ist ein weiteres Charakteristikum des Faschismus. Die NS-Politik soll sich mit dem „Herzen verstehen“ lassen, Enthusiasmus die politische Programmdiskussion ersetzen. Noch einmal Bloch:

„Nicht die ‚Theorie der Nationalsozialisten, wohl aber ihre Energie ist ernst, der fanatisch-religiöse Einschlag, […] die seltsam aufgewühlte Glaubenskraft.“4

In seinen Reden lebt Hitler die Leidenschaft, den Hass, den fanatischen Einsatz bis zum Letzten vor und authentifiziert und legitimiert so die politischen Botschaften: das sinnliche Miterleben verschafft ihnen Wahrheit und Geltung. Die marschierende uniformierte Kolonne, die den öffentlichen Raum beherrscht, lässt den imperialen Raumanspruch, Disziplin, machtvolle Expansion und Nutzlosigkeit der Gegenwehr körperlich spürbar werden. Die durchgängige Emotionalisierung und ästhetische Inszenierung von Politik war in den dreißiger Jahren ein Novum, dem die anderen Parteien wenig entgegenzusetzen hatten.

Der Nationalsozialismus rückte auf diese Weise nahe an die persönliche Identität der Menschen heran und versprach, Antworten auch auf private Ängste und Sehnsüchte zu geben. Dieser umfassende Anspruch erleichterte es, eine sehr viel stärkere emotionale Bindung an die NS-Bewegung zu erreichen als es der Weimarer Republik gelingen konnte, deren mangelnde emotionale Verankerung sich z. B. in dem abwertenden Begriff Systemzeit niederschlug.

Zum Verständnis dieser hier nur angedeuteten Phänomene5 scheint es sinnvoll, sozialhistorische und kultur- wissenschaftliche Ansätze durch die psychologische Frage nach dem Erleben zu ergänzen und vor allem die Sozialpsychologie zu nutzen, die solche Erlebnisformen auf den sozialen und historischen Kontext bezieht. Aus dieser Perspektive betrachte ich nun einige Motive, die die Menschen, v. a. männliche Jugendliche, in der sog. Bewegungszeit zum Nationalsozialismus gebracht haben.

Widersprüchliche Motive der Anziehungskraft des NS

Als Spezifikum des Nationalsozialismus wird die totalitäre Gleichschaltung, die autoritäre Unterwürfigkeit, die patriarchale Hierarchie, der Ordnungsfanatismus, die bürokratische Ausmerzung alles Fremden und „Lebensunwerten“ hervorgehoben – es ist mit Zygmunt Bauman (1992)6 die Konzeption eines ‚Gärtnerstaates’, der sich mit einem social engineering die totale Umgestaltung der Gesellschaft und die Schaffung eines Neuen Menschen anmaßt. Jedoch beschreibt dies nur eine Seite.

Die besondere Attraktion der NS- Bewegung bestand in dem Versprechen, widersprüchliche Bedürfnisse zu befriedigen. Die Hitlerbewegung entsprach ‒ so Martin Broszat ‒ „dem gleichzeitigen Verlangen nach Kontinuität und Veränderung, das breite Schichten der Bevölkerung erfüllte“.7 Neben Sicherheit, Ordnung, militärischer Zucht, reaktionären und hierarchischen Führungs-Gefolgschaftskonzepten, totalitärer Regulierung und Gleichschaltung bot der NS auch Dynamik, Aktivismus, Lust- und Aggressionsbefriedigung. Für den Erfolg der Nationalsozialisten ist das gleichzeitige Nebeneinander von Sekuritätsversprechen und dynamischer Mobilisierung, von rigider Disziplin und Möglichkeit zum Exzess entscheidend. Bloch beschreibt 1934 den Spannungsbogen, den die Nazis in ihrem Angebot von Anfang an hatten:

„Es sind die Gegensätze …, welche hier durchs Plüschsofa, dort durch Jugend, Lagerfeuer, ‚Irratio‘ wirken will. Plüschsofa ist die eine Seite … Indes mit Jugend, Bürgersturm, … war ebenfalls möbliert worden, vielleicht sogar wirkungsvoller.“8

Über die letzteren Motive, die insbesondere den Bedürfnissen junger Menschen entgegenkamen, möchte ich im Folgenden sprechen. Der Entwicklungspsychologe und Jugendforscher Erik Erikson hat sogar die gesamte NS-Bewegung als Ausdruck einer deutschen jugendlichen Identitätskrise gedeutet.9 Viele Merkmale der NS-Bewegung lassen sich als typische pubertäre Antworten auf Verunsicherung und Ohnmachtserleben deuten, z. B.

  • Sehnsucht nach Unbedingtheit und Größe, raus aus Alltag und Anpassung.
  • Weltschmerz und Ablehnung von Verantwortung.
  • Rebellion gegen die Eltern und Suche nach mächtigeren Autoritäten.
  • Endlich wichtig sein und gebraucht werden, Machtgewinn in der Gruppe.
  • Verlangen nach sinnlichen Ekstasen und ängstliche Suche nach Grenzen.
  • Sich unverstanden und verfolgt fühlen und Phantasien der eigenen Größe und Unversehrbarkeit zu pflegen.
  • Ängste vor Sexualität, Unsicherheit über den Körper und die Männlichkeit durch Potenzrituale überspielen.

Die NSDAP war mit großem Abstand die jüngste Partei in der Weimarer Republik – sowohl ihr Führungspersonal wie die Mitglieder waren jung. Seit 1930 gewann die NSDAP den Löwenanteil der jungen Erstwähler für sich. Die Partei nannte sich selber die „Partei der Jungen“ und huldigte einem Kultus der Jugend, der Erneuerung, die durch eine totale Zerstörung des „Systems“, wie die Weimarer Republik genannt wurde, erreicht werden sollte. Das „System“ stand für alle Übel der Zeit: Chaos, Verlust materieller Sicherheit, Zerfall von patriarchaler Autorität, unbewältigte Modernisierung, die Demütigungen der Niederlage, die Zerrissenheit des Volkes zwischen links und rechts. Aus der katastrophischen Gegenwart konnte nur ein umfassender Gewalt- schlag helfen, der alle Feinde der Nation vernichtete, Juden, Demokraten, Sozialisten. Hinweggefegt werden sollte aber auch das Reaktionäre, Wilhelminische, Traditionelle, das von Hitler so verachtete „Biedermännertum“.

Der Rückblick auf die NS-Zeit stellt heute den Holocaust und den Vernichtungskrieg in den Vordergrund. Der Aufstieg der Nazi-Bewegung lässt sich damit nicht erklären, so Wehler:

„Beide Ziele, Vernichtungsantisemitismus und Ostexpansion waren, so dominant sie auch später wurden, für die Massenmobilisierung bis 1933 unwichtig und ungeeignet.“10

Für den Erfolg der NS-Bewegung lässt sich eigentlich die gesamte „Programmatik der NSDAP als geradezu zweitrangig“ einstufen.11 Wichtiger erscheinen Wehler folgende Faktoren:

  • Der charismatische Volkstribun an der Spitze einer nationalistischen Sammlungsbewegung,
  • der klassenübergreifende Charakter einer autoritären, jungen, populistischen Volkspartei,
  • die „vage, aber dynamisch wirkende Alternative der Krisenbekämpfung“.12

 

Dynamik, Bewegung, Aktionismus – Futter für den Erlebnishunger

In vielen Berichten der Anhänger über ihren Weg in die NSDAP fällt auf, welch marginale Rolle die Inhalte spielen. Goebbels beschreibt in seinem Roman „Michael“ die ‚Bekehrung‘ seines Helden zum Nationalsozialismus durch eine Hitlerrede. Zum Inhalt der Rede reichen drei Schlagwörter: „Ehre? Arbeit? Fahne?“13

Beschrieben wird stattdessen die Leidenschaftlichkeit des Redners, Hitlers Stimme, „die glühenden Augensterne, die treffen wie Flammenstrahlen“, die Dramaturgie der Steigerung, die Hitler selber völlig erschöpft zurückließ. Goebbels bejubelt den Kontrollverlust seines Helden: ich bin „wie von Sinnen“, „halte nicht mehr an mich“.14 Gesucht wird das Erleben psychischer Intensität. Es sind Beschreibungen von grandiosen ‚events’, von denen man sich hingerissen, umgeworfen fühlt. In der Beschreibung des letzten Jahres auf dem Weg zur Macht schildert Goebbels immer wieder dieses Konzept von Politik als Inszenierung   eines „tollen Theaters“ („Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei“ 1934 15, daraus alle folgenden Zitate, hier S. 100). Es gilt, ein „Meisterstück der Propaganda zu gestalten“ (S. 48). Die Effekte werden berechnet, „frappierende Wirkungen“ (S. 49), „grandios“ und „imponierend“ (S. 207), Hauptsache: „das ganze Land muß aufhorchen“ (S. 49). Jeder Bericht über die nach dramaturgischen Gesichtspunkten durchgestalteten Partei-Veranstaltungen benotet das ‚event’: Größe des Publikums, Atmosphäre und Stimmung, Tagesform der Akteure und ihre Fähigkeit, das Publikum „hochzureißen“.

Die Vitalität und jugendliche Antriebskraft, der aggressive Stil, der kompromisslose Umgang mit den Gegnern kamen bei vielen Teilnehmern der Massenveranstaltungen gut an. Broszat konstatiert, dass die Massen- Veranstaltungen der Nazis „als eine Art Volksvergnügen ‚genossen‘ wurden, dem die Begeisterungswilligen schon vorher wie einer sportlichen Sensation entgegenfieberten. Hier war ‚etwas los‘…“16, hier herrschte nicht – so Hitler in „Mein Kampf“ – die „friedliche Stimmung (…) eines gähnenden Kartenspielklubs“17, wie es bei der bürgerlichen Rechten der Fall war. Der Nationalsozialismus wird als Rezept gegen die Langeweile verkauft. „Man mag uns Nationalsozialisten vorwerfen, was man will; eins wird man nicht behaupten können: dass wir langweilig wären, oder dass die Zeit, die wir heraufgeführt haben, uninteressant wäre… Was man damals in 50 Jahren erlebte, das machen wir heute in zwei, drei Tagen ab, “ sagt Goebbels im März 1933.18 1932 beschreibt er den Aktionismus der Kämpfe um die Macht: „Wir arbeiten fieberhaft… rasendes Tempo… Ein toller Trubel“19, eine „fiebrige Spannung“.20 Er sagt ganz offen, dass nur die permanente Extrembelastung ihn vor der Verzweiflung bewahrt: „Würde man eine Pause machen, dann wäre es aus.“21 Das Gleiche gilt auch für die Partei: „Die Partei muss immer in Atem gehalten werden. Lässt man eine so große Kampforganisation zur Ruhe kommen, dann werden die stärksten Männer schwach. Die wildesten Fanatiker werden dann kleinliche Stänker.“22

Die Unfähigkeit zum Aushalten von Pausen, Abwarten, Geduld wird umstandslos in ein politisches Programm übersetzt: „Der Nationalsozialismus ist das scharfe Schwert, mit dem der gordische Knoten der deutschen Verzweiflung durchschlagen werden soll.“23 Die Nazi-Bewegung bindet ihre Anhänger in einen atemlosen, überhitzten Spiralwirbel ein, der zu immer neuen Höhepunkten drängt.

Es entsteht die Dynamik des Superlativs, der Nationalsozialismus ist das „ganz große Projekt, das (…) in der Welt noch nicht dagewesen ist“.24 Es gibt keine allmähliche Entwicklung, der Spannungsbogen ist permanent bis zum äußersten angespannt – wer nur das Extrem besetzen kann, verschreibt sich einer Eskalationsdynamik, die nicht mit demokratischen Verhandlungsmodellen kompatibel ist, sondern nur mit einer radikalen Schwarz-Weiß- und Schluss-jetzt- Logik, wie Goebbels auch klar formuliert: „Wenn revolutionäre Fieberschauer die Völker und Nationen durchzittern, dann muß man Partei ergreifen, dann muß man für oder wider sein. (…) Alles Große ist einfach und alles Einfache ist groß.“25

Politik als Inszenierung, die alle Sinne gefangen nimmt, die in einer permanenten Suche nach immer neuen Reizen, nach fiebriger Spannung und Grenzüberschreitung, nach Eskalation besteht, das ist sicher ein Angebot, das dem Erlebnishunger Jugendlicher entgegenkommt.

Der große Schicksalston

Die jugendspezifische Ablehnung von Kompromiss und Alltagsmühsal wurde in der Rhetorik des NS verstärkt und idealisiert. Es geht immer um das Letzte, Unbedingte, die Schicksalsfrage, den Endkampf der Menschheit, die neue Rasse, das Tausendjährige Reich. Dass Hitler, so Fest (1987), „der Politik wieder den großen Schicksalston gegeben und sie mit einem Element des Schauders gemischt hat, das hat ihm Beifall und Anhängerschaft eingetragen.“26 Die HJ-Führerin Melita Maschmann (1979) nennt im Rückblick ihr Motiv, sich den Nazis anzuschließen: “Ich wollte aus meinem kindlichen, engen Leben heraus und wollte mich an etwas binden, das groß und wesentlich war.“27

Die mobilisierende Wirkung dieser Vorstellung, sich einer großen Inszenierung überantworten zu können, hat Bloch schon 1924 beobachtet. „Siebzehnjährige brennen Hitler entgegen. Bierstudenten von ehemals, öde, im Glück der Bügelfalte schwelgend, sind nicht mehr zu erkennen, es hämmert ihr Herz.“28 Die große Geste, der Absolutheitsanspruch, die Kompromissfeindschaft, das Denken für die Ewigkeit (oder wenigstens 1000 Jahre), „Ekel vor Tatsachen und nüchternem politischen Kalkül des Möglichen“29 machen zentrale Motive der Attraktion des NS aus. Die Ablehnung von Koalition und politischem Kompromiss geht bis hin zu Ekel, Abscheu und Angst. Koalition „ist zum Kotzen“, so Goebbels.30 Man gerät in die „Defensive, aus der es kein Entrinnen mehr gibt“.31 Dann „sind wir verloren.“32 „Tolerierung macht tot.“33

Die gesellschaftliche Realität besteht aus Kompromiss, Abhängigkeit, Angst, Geduld, Verantwortung, Ambivalenz – all dies ist für den Nationalsozialisten jedoch gleichzusetzen mit existentieller, lebensbedrohender Schwäche.

Nach der Weltkriegsniederlage, den wirtschaftlichen Katastrophen der Nachkriegszeit, dem Zusammenbruch aller sozialen Ordnungen erscheint für viele junge Menschen die zivile Realität kein Ort der Herausforderung und Bewährung. Vielmehr häufen sich in allen Lebensbereichen Erfahrungen von Chaos, Anomie, Entwertung der eigenen Qualifikationen und Fähigkeiten zur Lebensbewältigung. Viele erleben kumulative, nicht mehr bewältigbare Krisen, und diese Erfahrungen von Ohnmacht verstärken das Bedürfnis nach Flucht aus der Realität.

Die Heimatlosigkeit im bürgerlichen Alltag wird von den Nazis idealisiert und radikalisiert: sie versprechen, dass ihre Art von Politik einen für immer aus den Niederungen des Alltags befreit. Der Sprung von der privaten Misere in die Weltgeschichte erlöst von der Angst vor Abhängigkeit und dem Risiko realer Beziehungen. Diese Faszination des großen Entwurfs – ohne Interesse für seine Realisierbarkeit ‒ scheint charakteristisch für Jugendliche.

Das große NEIN – die Weltschmerzposition

Die NS-Rhetorik ähnelt der Weltschmerzposition von Jugendlichen, die sich in Klagen über die böse Welt und die Gemeinheit der Erwachsenen ergehen, ohne sich zur Formulierung von Alternativen verpflichtet zu fühlen. Hitlers Reden transportieren einen ungebremsten Hass auf das Bestehende, es ist unrettbar verderbt und muss radikal vernichtet werden. Seine Positiv-Vision bleibt vage, die Leidenschaft gilt der Anklage, der Ausmalung von Rachephantasien, der Entwertung der Autoritäten. Diese werden mit Sarkasmus, überheblichem Spott und Hohn übergossen – wie es Jugendliche gern gegenüber Eltern und Lehrern praktizieren. Der Erfolg der NSDAP in Berlin war vor allem der von zynischem Witz geprägten Goebbels‘schen Hetz-Kampagne gegen den stellvertretenden Polizeipräsidenten Weiß geschuldet. Gegner der Nazis werden als fett, gierig, ängstlich, feige, hinterhältig gebrandmarkt: „[A]ufgescheuchte Hühner“34, „armseliges Häuflein Mensch“, „asthmatisches Gestammel“.35

Das   NS-Programm   ist   durch das „anti“ geprägt: Anti-Bolschewismus, Anti-Semitismus, Anti-Liberalismus, gegen Demokratie, Republik, Intellektuelle, moderne Kunst … Goebbels sagt im Januar 1932: „Es geht darum, dass in Deutschland … eine Regierung ans Ruder kommt, die das große Nein nicht nur ausspricht, sondern auch die Kraft und den Willen besitzt, danach zu handeln.“36 Es ist die Idealisierung einer Anklage-, Kampf- und Racheposition, die sich ganz explizit gegen die Befassung mit politischen Detailfragen und der Arbeit an Programmen für die Zukunft wendet.

Die Nazis pflegen eine Revolutionsrhetorik. Was nach dem Sieg kommen soll, bleibt ein diffuses Heilsversprechen. Wie pubertierende Jugendliche verbleiben die Nazis in der Position der Anklage gegen die mächtigen Autoritäten, die an allem schuld sind. Selber ist man in der Position des unschuldigen Opfers, das von der Übermacht verfolgt, gequält und vernichtet zu werden droht.

Das verfolgte Opfer

Dieses Selbstverständnis als verfolgtes Opfer ist für die Psychodynamik des NS absolut zentral. Hitler hat fast jede Rede mit seiner Leidensgeschichte des Verkannten und Verfolgten begonnen. Die zentralen Mythen der Bewegung stilisieren die guten Deutschen als Märtyrer: die Jugend von Langemarck, Schlageter, „Hitlerjunge Quex“, Horst Wessel. Goebbels beschreibt die NS-Geschichte bis 33 als einen einzigen „Opfergang“.37 Die NS-Bewegung wird der Urkirche gleichgesetzt, eine verlachte und verhöhnte Sekte, die gegen die überwältigenden Mächte der Finsternis kämpfen muss. Der Nationalsozialist kämpft wie der junge Jesus im Tempel gegen die Pharisäer. Er steht heroisch, unerschrocken, unbeirrt „ganz allein (…) gegen eine Welt von Fein- den“.38 Als einzige wagen die Nazis unpopuläre Wahrheiten, reißen dem Terror der öffentlichen Meinung die Maske vom Gesicht, heben die Kulissen der politischen Lüge hoch.

Die Vorwürfe an die NS-Bewegung werden umgekehrt: Juden und Kommunisten haben mit Terror und Mord gegen Andersdenkende begonnen. Vorwürfe terroristischer Gewalt an die SA sind entweder erlogen oder verständliche Gegengewalt gegen den Terror des Gegners. Die Opfer- und Märtyrerstilisierungen erlauben Rachephantasien, in denen sadistische Szenarios emphatisch ausgemalt werden: Wenn man an der Macht ist, wird der Feind „mit der Hundepeitsche aus Deutschland gejagt“.39 „Dieses Gesindel muß einmal wie Ratten ausgerottet werden.“40 Es ist die Identifikation mit der selbstgerechten Anklageposition des Adoleszenten, der sich in der Phantasie elterlicher Über- macht ausschließlich auf die Position des ohnmächtigen Opfers der elterlichen Gewalt zurückziehen kann, und daraus das Recht auf Rache ableitet.

Faszination von Krieg und Gewalt

Der Krieg ist das politische und ästhetische Ideal der Nazis: die permanente Bedrohung setzt alle bürgerlichen Standards und Werte außer Kraft und setzt an ihre Stelle Überlebenskampf, Führerprinzip, Kameradschaft, Hochspannung der Todesnähe, Freund- Feind-Denken, militärisches Zeremoniell und das Gepränge von Uniform und Orden etc. Das Kriegerideal kehrt die Wertigkeit der Generationen um: im Krieg triumphiert die Jugend mit ihren Potenzen: Körperbeherrschung, Mut, Angstverleugnung. Das ist für die Generation, die prägende Kindheitsjahre im 1. Weltkrieg verbracht hat und danach nicht im zivilen Leben ankommen kann, eine reizvolle Alternative (vgl. Haffner 2000 41). Die NSDAP versteht sich nicht als Partei, sondern als Bewegung, ihr zentrales Buch heißt „Mein Kampf“, die Zeitung „Der Angriff“, die Frontgemeinschaft ist das Vorbild der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft. „Ein Nationalsozialist fühlt sich nur wohl, wenn er kämpfen kann.“42 Ganz offen wird auch die eigene Gewaltausübung positiv bewertet. Für die meisten SA-Männer diente die NS-Ideologie vor allem der Rechtfertigung von Hass und Gewalt (vgl. Reichardt 2002 43). Goebbels schreibt auch in der Außenwirkung der demonstrativen Gewalt mobilisierende Wirkung zu. „Brachialgewalt …, das ist das einzige, was imponiert.“44

Grandiosität

Einerseits ist der Nazi das von einer feindlichen Übermacht umzingelte Opfer, das sich verzweifelt wehrt mit dem berechtigten, schuldlos zu genießenden Vernichtungshass des Ohnmächtigen ‒ andererseits kann man sich nur auf der Siegerseite als überlebenswert empfinden. Es ist unmöglich, Niederlagen zu ertragen. Sie lösen –  so wieder Goebbels – „Hoffnungslosigkeit, ekelhaftes Her- umwürgen“45, grenzenlose Wut und extreme Beschämung aus. „Am liebsten möchte man in den Boden versinken.“46 Ein Nationalsozialist darf nicht verlieren – wer ist er dann nach seiner eigenen Ideologie: der lebensunwerte Schwächling. Das ist ein zentraler Widerspruch: einerseits die selbstmitleidige Klageposition des unschuldigen Opfers und andererseits die Position des potenten Siegers, der keine Schwäche und Ohnmacht kennt. Er beschreibt auch ein zentrales Dilemma des Jugendlichen zwischen Gefühlen von Ohnmacht und Minderwertigkeit und der Phantasie von Grandiosität und Unbesiegbarkeit.

Motivierung durch die Praxis

Neben der Ideologie gibt die Praxis einen entscheidenden Motivationsschub: Die in der SA oder der Hitlerjugend organisierten jungen Menschen waren in einen pausenlosen Aktivismus einbezogen, dem sich alle anderen Lebensbereiche unterordnen mussten. Das gesamte Leben bestand – v. a. für die oft arbeitslosen SA-Männer im Zusammensein mit den Kameraden und ersetzte die Bindungen an Familie, Freunde und die Einbindung in Beruf und öffentliches Leben. Junge Menschen, die sich in Familie und Beruf in abhängigen, untergeordneten Positionen befinden oder sich als Arbeitslose überflüssig und nutzlos fühlen, konnten in der Gruppe Selbstmächtigkeit und Potenz erleben, sich Eltern und etablierten Autoritäten überlegen fühlen.

Die Aktiven in der Bewegung opferten Geld, Freizeit, persönliche und familiale Bindungen, riskierten in den gewalttätigen Aktionen Verletzungen bis zu tödlicher Bedrohung. Das Ausmaß des Engagements legitimierte die selbst ausgeübte Gewalt und den Terror. Die extremen Herausforderungen verliehen dem Leben Sinn und einzigartige Bedeutsamkeit, das Gefühl, dass von dem persönlichen Einsatz und der Leistung des Einzelnen wirklich etwas abhing. Man wurde gebraucht, und fühlte sich als Person gemeint. Der scheinbar selbstlose Einsatz für ein großes Ziel vermittelte gleichzeitig Selbstbewusstsein und Kompetenzgefühl. Diese Motive scheinen mir nicht nur für viele der jungen Männer zentral, sondern gerade auch für die frühen weiblichen Unterstützerinnen der NS-Bewegung.

In der SA lässt die gemeinsame Sauferei Regression, die männerbündlerische ‚Kameradschaft’ das Ausleben direkt oder indirekt sexueller Bedürfnisse zu, die weit weniger gefährlich erscheinen als die Kontaktsuche mit dem anderen Geschlecht. Gegenseitig stachelt und putscht man sich hoch. Der riskante Straßenkampf ist ein euphorisierendes Abenteuer, die Gewalt und der Terror erlauben eine narzisstische Berauschung, die Mächtigen depotenzieren und alle erlebten Demütigungen und Niederlagen wieder gutmachen zu können. Die gemeinsam begangenen Verbrechen und illegalen Aktionen schweißten die jungen Männer zusammen. Gleichzeitig werden die enormen Ängste vor Chaos, und unkontrollierbarer Steigerung von Gewalt und ihr Umschlagen in Selbstdestruktivität durch die militärische Ordnung, durch Zwang, Gehorsamsverpflichtung und Disziplin eingegrenzt.

Dieses widersprüchliche Nebeneinander von Unterordnung und Rebellion, von Disziplin und rauschhaftem Exzess ist für den Erfolg der Nazis entscheidend gewesen. Gerade für zutiefst verunsicherte Jugendliche ist es sicher sehr verlockend gewesen, sich in der Gewalttat als mutiger Held und Supermann fühlen zu können und die Ängste vor Chaos und Zerfall in der Disziplinierung der Körper stillstellen zu können. Viele – nicht nur junge Menschen – gerieten in den umfassenden Krisen der Zwischenkriegszeit in Gefühle von Ohnmacht und Enttäuschungswut. Die Identifikation mit der NS-Ideologie erlaubte eine regressive Lösung mit adoleszenztypischen Abwehrformen: Verleugnung der realen Schwäche, narzisstischer Triumph in der Größenphantasie, selbstmitleidiges Schwelgen in der Opferrolle, Projektion der Aggression und Schuld, Legitimation von Hass und Gewalt.

DIE AUTORIN

Dr. Gudrun Brockhaus ist Dipl.-Psychologin und Dipl.-Soziologin, sie arbeitete von 1977-2007 als wissenschaftliche Angestellte im Bereich Reflexive Sozialpsychologie der LMU München und ist niedergelassenen Psychoanalytikerin. Sie forscht und publiziert zu Themen der Politischen Psychologie.

 

LITERATUR

Abel, Theodore (1938): Why Hitler Came into Power. An Answer Based on the Original Life Stories of Six Hundred of His Followers. New York (Prentice Hall)

Adorno, Theodor W. (1950, 1973): Studien zum autoritären Charakter. Frankfurt a.M. (Suhrkamp)

Adorno, Theodor W. (1951): Die Freud‘sche Theorie und die Struktur der faschistischen Propaganda. In: Dahmer, H. (Hg.) (1980): Analytische Sozialpsychologie, Band I., Frankfurt a.M. (Suhrkamp), S. 318-342

Bauman, Zygmunt: Dialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust. Hamburg: Europäische Verlagsanstalt 1992

Bloch, Ernst: Erbschaft dieser Zeit. Frankfurt: Suhrkamp 1985

Brockhaus, Gudrun (1997): Schauder und Idylle. Faschismus als Erlebnisangebot. München (Kunstmann)

Broszat, Martin (1969): Der Staat Hitlers. Grundlegung und Entwicklung seiner inneren Verfassung. München (dtv)

Martin Broszat: Soziale Motivation und Führer-Bindung des Nationalsozialismus. In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 18, 1970, S. 392–409

Erikson, Erik H. (1942): Die Legende von Hitlers Kindheit. In: Dahmer, H. (Hg.) (1980): Analytische Sozialpsychologie, Band I., Frankfurt a.M. (Suhrkamp), S. 257-281

Goebbels, Joseph (1929): Michael. Ein deutsches Schicksal in Tagebuchblättern. München (Eher)

Goebbels, Joseph (1934): Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei. Eine historische Darstellung in Tagebuchblättern. München (Eher)

Goebbels, Joseph (1939): Wetterleuchten. Aufsätze aus der Kampfzeit 2. Band „Der Angriff“. München (Eher)

Grieswelle, Detlev (1972): Propaganda der Friedlosigkeit. Eine Studie zu Hitlers Rhetorik 1920-1933. Stuttgart (F. Enke)

Haffner, Sebastian: Geschichte eines Deutschen: Die Erinnerungen 1914- 1933. Stuttgart & München 2000

Hitler, Adolf (1926, 1938): Mein Kampf. Einbändige Volksausgabe. München (Eher)

Mann, Thomas (1939): Ein Bruder. In: ders. (1977): Essays. Band 2 Politik. Frankfurt a.M. (Fischer), S. 222-227

Maschmann, Melita. Fazit. Mein Weg in der Hitler-Jugend. München: dtv 1979

Reichardt, Sven: Faschistische Kampfbünde. Gewalt und Gemeinschaft im italienischen Squadrismus und in der deutschen SA. Köln/Weimar/Wien: Böhlau 2002

 

NACHWEISE

1 Bloch 1985, S. 128

2 ebd. S. 65

3 Adorno 1973, S. 13

4 Bloch 1985 S. 65f.

5 Vgl. Brockhaus 1997

6 Vgl. Bauman 1992

7 Martin Broszat 1970, S. 393.

8 Bloch 1985, S. 84

9 Erikson 1980, S. 257-281

10 Wehler 2008, S. 580

11 Wehler ebd., S. 576

12 ebd., S. 576

13 Goebbels 1929, S. 102.

14 Goebbels 1929, S. 102

15 Goebbels 1934.

16 Broszat (1969, S. 41

17 Hitler 1938, S. 539

18 Goebbels 1939, S. 378

19 Goebbels 1934, S. 66f.

20 Goebbels 1934, S. 77

21 Goebbels 1934, S. 129

22 Goebbels 1934., S. 202

23 Goebbels 1939, S. 274

24 Goebbels 1934, S. 28

25 Goebbels 1939, S. 326

26 Fest 1987, S. 526

27 Maschmann 1979, S. 9

28 Bloch 1985, S. 162

29 Grieswelle 1972, S. 66

30 Goebbels 1934, S. 87

31 Goebbels 1934, S. 141

32 Goebbels 1934, S. 182

33 Goebbels 1934., S. 137

34 Goebbels 1934, S. 23

35 Goebbels 1934, S. 86

36 Goebbels 1939 S. 254

37 Goebbels 1939, S. 11

38 Goebbels 1939, S. 271

39 Goebbels 1934, S. 44

40 Goebbels 1934, S. 34

41 Vgl. Haffner 2000

42 Goebbels 1934, S. 126

43 Vgl. Reichardt 2002

44 Goebbels 1934, S. 101

45 Goebbels 1934, S. 196

46 Goebbels 1934, S. 221

 

 

 

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