Neue Inszenierung altbekannter Ideologien: Zur aktuellen Dynamik extremistischer Akteur*innen in Sozialen Medien

Von Niklas Brinkmöller und Niklas von Reischach

Dieser Artikel erschien zuerst in: Interventionen – Zeitschrift für Verantwortungspädagogik Nr. 20, 2026

Extremistische Akteur*innen stellen in den Sozialen Medien weiterhin eine ernstzunehmende Gefahr dar, dies jedoch selten durch die Verbreitung vollständig neuer Ideologien oder Narrative. Stattdessen inszenieren sie altbekannte Erzählungen in dynamischer und digital optimierter Form. Dies lässt sich hinsichtlich der Themen, Ansprachen und Inszenierungen online feststellen. Eine besondere Herausforderung stellt die extrem schnelle, emotionalisierende Bezugnahme auf aktuelle globale und lokale Konflikte dar. Dabei werden Frustrationen, Wut und Ängste häufig instrumentalisiert, um für die eigenen antidemokratischen Positionen zu mobilisieren. Zudem bergen neue und hybride Extremismusbereiche, innovative Medienformate sowie die Nutzung von grenzwertigen Inhalten, algorithmischer Verstärkung und künstlicher Intelligenz neue Probleme. Extremistischen Akteur*innen gelingt es dabei sehr gut, bestehende Regulierungs- und Durchsetzungslücken genauso wie rechtliche Graubereiche zu navigieren, ihre Präsenz dennoch aufrecht zu erhalten und teilweise sogar auszubauen. Zugleich normalisieren und mainstreamen sie gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und vergrößern den Nährboden für Gewaltbereitschaft und -ausübung. Social Media bietet damit ein Umfeld, das auf mehreren Ebenen Hinwendungsprozesse zu extremistischen Weltbildern befördern und beschleunigen kann. Hier braucht es Präventions- und Distanzierungsangebote, die Personen dort erreichen, wo sie antidemokratische oder extremistische Online-Inhalte konsumieren und ihnen Wege zu direkter, persönlicher Beratung und Begleitung ermöglichen – online, genauso wie offline.

Die Einschätzung aktueller Entwicklungen erfordert einerseits die Identifikation altbekannter Narrative, die weiterhin wirkmächtig sind. Andererseits braucht es die Ergebnisse einer aufmerksamen und fortlaufenden Beobachtung aktueller Trends und Ansprachen extremistischer Akteur*innen, um daraus folgend dynamische Veränderungen erfassen und Ableitungen für Politik und Praxis herstellen zu können.[1] Dementsprechend befasst sich dieser Beitrag vorranging mit der Frage, wie extremistische Akteur*innen im Jahr 2026 ihre Inhalte und Narrative in digitalen Kontexten verbreiten.

Suchthaftes Nutzungsverhalten digitaler Medien

Zum besseren Verständnis der Art und Weise, wie extremistische Inhalte in den Sozialen Medien verbreitet und rezipiert werden, bedarf es zunächst eines kurzen Blicks auf das aktuelle Konsumverhalten in Deutschland. Eine aktuelle Studie des Uniklinikums Hamburg-Eppendorf verdeutlicht problematische Nutzungsmuster bei Kindern und Jugendlichen. Die Autor*innen heben hervor, dass 10- bis 17-Jährige in Deutschland durchschnittlich ca. 2,5 – 3,5 Stunden pro Tag Social Media nutzen (Wiedemann, Thomasius und Paschke 2025, S. 12). Rund 1,3 Millionen dieser 10-17-Jährigen sind durch die Nutzung Sozialer Medien gefährdet, ernsthafte Probleme hinsichtlich des sozialen Umgangs oder der Leistungen in Schule, Job oder Ausbildung zu bekommen. Knapp 300.000 von ihnen weisen bereits eine pathologische Nutzung Sozialer Medien auf (ebd., S. 13).[2] Die Autor*innen verweisen daher auf die Bedeutsamkeit des Ausbaus der Präventions- und Interventionsmaßnahmen in diesem Bereich (ebd., S. 22).

Neben der intensiven Nutzung zeigt sich auch, wie präsent extremistische Inhalte online sind. So berichten laut der Studie Jugend, Information, Medien (JIM) 2025 etwa mehr als die Hälfte der 12-19-jährigen von einer Konfrontation mit extremen politischen Ansichten im Internet (Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2025, S. 72).[3] Und auch das Monitoring von Violence Prevention Network zeigt, dass es extremistischen Akteur*innen auf TikTok, aber auch andernorts, regelmäßig gelingt, mit ihren Inhalten Aufrufzahlen im sechs- oder siebenstelligen Bereich zu generieren.

Auf den größten Social Media-Plattformen lassen sich weiterhin auch explizit gewaltverherrlichende Inhalte, verbotene Symbole oder Inhalte terroristischer Attentäter*innen und Gruppen finden. Dies liegt u. a. daran, dass Inhalte häufig verfremdet oder chiffriert wiedergegeben werden (Karo, Divon und Hallinan 2026).

Abb. 1: Der rechtsextreme Sänger „MaKss Damage“ zeigt die White Power-Geste, die in anderen Kontexten auch als „Okay“-Zeichen genutzt wird. Hier verweist sie auf die rassistische Behauptung der Überlegenheit einer vermeintlichen „weißen Rasse“. Gesten, Symbole, Zahlencodes, Andeutungen, Sounds und Emojis werden gezielt von extremistischen Akteur*innen eingesetzt, um ihre Ideologie zu zeigen, ohne gesperrt oder strafrechtlich verfolgt zu werden.

Selbst bei einer zukünftigen Verbesserung der Content-Moderation wird es sich nicht verhindern lassen, dass gerade codierte Inhalte auf den Plattformen verbreitet werden. Diese Art der verschleierten Kommunikation passt sich immer wieder an neue Hürden an. Neben der reinen Präsenz bzw. Verfügbarkeit dieser Inhalte stellt aber gerade die plattform-inhärente algorithmische Verstärkung ein zentrales Problem dar (Kuzev 2025, o. S.; Whittaker et al. 2021, S. 12). Auf Plattformen beliebte Themen sowie Inhalte, mit denen die einzelnen Nutzer*innen besonders stark interagieren, werden algorithmisch verstärkt und häufiger ausgespielt.

Trotz der Existenz explizit gewaltverherrlichender oder terroristischer Inhalte auf den Plattformen ist die Mehrheit der Inhalte eher in einem Graubereich zu verorten. Gerade im extrem rechten Spektrum werden chiffrierte Inhalte seit Langem in Form von vermeintlich humoristischen oder satirischen Memes verbreitet. Häufig liegen die Inhalte unterhalb der Strafbarkeitsschwelle. Nichtsdestotrotz erfüllen gerade diese Inhalte eine zentrale Funktion bei der individuellen Öffnung gegenüber (auch expliziteren oder militanteren) extremistischen Ideen.

Extremistische Narrative in digitalen Räumen

Egal ob Queerfeindlichkeit, Antisemitismus, Rassismus, oder Misogynie: Einige Bausteine Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit lassen sich in fast allen extremistischen Weltanschauungen wiederfinden.  Und so finden sich auch in den Social Media-Auftritten unterschiedlicher extremistischer Phänomene altbekannte Ungleichwertigkeitserzählungen und charakteristische ideologische Fragmente wieder. Akteur*innen der extremen Rechten verbreiten etwa weiterhin Verschwörungsmythen eines „Bevölkerungsaustausch“, rassistische Anfeindungen gegenüber migrantisierten Menschen, antiliberale Systemfeindlichkeit sowie geschichtsrevisionistische Positionen. Auch Fantasien einer homogenen, als weiß imaginierten „Volksgemeinschaft“ werden in Beiträgen propagiert und es wird vor einem vermeintlichen kulturellen Verfall gewarnt (dist[ex] monitor 2025, S. 3-5).[4] Diese Erzählungen sind im Kern nicht neu, innovativ oder spezifisch für den digitalen Raum, sondern bereits aus den vergangenen Jahren bzw. Jahrzehnten bekannt.

Abb. 2: Screenshot eines Beitrags von einem extrem rechten Account, der rassistische Sharepics und Memes postet.

Im Bereich des islamistischen Extremismus sieht es ähnlich aus. Auch hier verbreiten Akteur*innen weiterhin bekannte Erzählungen in den Sozialen Medien. Dazu gehören Schilderungen, die eine übergreifende Gemeinschaft aller lebenden Muslim*innen beschwören, dabei aber eine strikte Gegensätzlichkeit zwischen und Ungleichwertigkeit von „Gläubigen“ und „Ungläubigen“ konstruieren. Ebenso finden sich Narrative, die säkulare Ordnungen delegitimieren oder Versuche, Erfahrungen von anti-muslimischem Rassismus zur Begründung von antidemokratischen Forderungen zu instrumentalisieren.

Anpassung an aktuelle Krisen und Konflikte

Während grundlegende Erzählungen und Abwertungslogiken in den Inhalten eine Kontinuität aufweisen, lassen sich in der Themensetzung, den Referenzen und der konkreten Ansprache dynamische Anpassungsmuster feststellen. Viele extremistische Akteur*innen orientieren sich thematisch an der jeweils aktuellen Lage und verbinden diese mit ihren bekannten zentralen Narrativen. Demokratiefeindliche Erzählungen werden also etwa mittels Brückennarrativen an aktuelle Geschehnisse angepasst. In den letzten Jahren wurden bspw. die COVID-19-Pandemie oder der russische Angriffskrieg auf die Ukraine genutzt, um aktuelle Stimmungslagen in der Gesellschaft für antidemokratische Agenden zu instrumentalisieren.

Ein Beispiel aus den vergangenen Monaten ist die polarisierende Instrumentalisierung des durch den Terrorangriff der Hamas wiederauflebenden Nahost-Konflikts, des Gegenangriffs Israels, der anschließenden militärischen Eskalation und der damit einhergehenden humanitären Katastrophe in Gaza. Ausgehend vom Maß der Zerstörung und der hohen Zahl ziviler Opfer konstruieren islamistische Akteur*innen eine argumentative Brücke für die vermeintliche Notwendigkeit eines Kalifats (im Nahen Osten) oder deuten den Konflikt als angeblichen Beweis eines globalen Kriegs gegen alle Muslim*innen. Damit schließen sie an bestehende diskursive Leerstellen, Betroffenheit, Frustrationen und Ängste an, um sie für ihre antidemokratischen Zwecke zu nutzen.

Im Kontext Rechtsextremismus kritisieren einige Akteur*innen wiederum die finanzielle Unterstützung der Ukraine durch die Bundesregierung im Zuge des russischen Angriffskriegs. So wird behauptet, dass die Regierung damit die Interessen der eigenen Bevölkerung vernachlässige und Steuergelder zweckentfremdet würden. Dadurch schüren sie Misstrauen gegenüber demokratischen Institutionen und internationalen Bündnissen.

Auch die Enthüllungen über die pädokriminellen Machenschaften von Jeffrey Epstein und dessen Netzwerk („Epstein Files“) werden phänomenübergreifend aufgegriffen, um sie als vermeintliche Belege für alte ebenso wie neue Interpretationen antisemitischer Verschwörungsmythen über eine angebliche jüdische Weltverschwörung oder Ritualmordlegenden heranzuziehen. Bekannte extremistische Ideologien und Versatzstücke werden durch dieses Vorgehen mit aktueller Relevanz aufgeladen und emotionalisiert, um pauschal gegen „das System“ oder „die Eliten“ zu hetzen.

Dynamische Ansprache und Gestaltung

Im Bereich der Narrative werden primär die tagesaktuellen Referenzrahmen angepasst, wobei die darunterliegenden Erzählungen selbst meist konsistent fortbestehen. Im Gegensatz dazu befinden sich die Formen der Zielgruppenansprache und der audiovisuellen Gestaltung in deutlich stärkerem Wandel. In Zeiten kurzlebiger Social Media Trends kann so die Anschlussfähigkeit besonders an junge Zielgruppen sichergestellt werden. Die Formate, die von extremistischen Akteur*innen genutzt werden, sind vielfältiger geworden. Neben klassischen Reden, Predigten und Ansprachen finden sich vermehrt auch ausführliche Podcasts oder Talkrunden, Livestreams mit Eventcharakter und aufwendige Inszenierungen von Aktionen und Straßendemonstrationen. Häufig werden besonders kontroverse, spannende oder emotionale Elemente aus langen Livestreams herausgeschnitten („geclipped“) und als Kurzvideos auf TikTok, Instagram & Co gepostet. Dadurch generieren die Inhalte zusätzliche Reichweite und verbreiten sich auch abseits des ursprünglichen Creators und Kontextes.[5] Längere Formate wie Podcasts oder Talkrunden bieten extremistischen Akteur*innen die Möglichkeit, ihre ausführlichen Interpretationen zu gesellschaftlichen oder politischen Themen – meist unwidersprochen – darzulegen. Ferner werden dabei gezielt parasoziale Beziehungen[6] zwischen Zuschauer*innen und Akteur*innen aufgebaut, da neben inhaltlichen Argumenten besonders das subjektiv empfundene Vertrauen für Radikalisierungsprozesse eine starke Wirkung entfalten kann. Die professionelle Inszenierung von Offline-Aktionen ermöglicht es, ein Gefühl von Zusammenhalt und Stärke darzustellen. Zudem wird antidemokratischer Widerstand positiv und als breit Unterstützung und Zustimmung findend inszeniert, damit er für Außenstehende attraktiver wirkt.

Inszenierte Nahbarkeit

Die unterschiedliche Inszenierung zeigt sich auch bei der Selbstdarstellung von extremistischen Akteur*innen und Gruppen. Im islamistischen Milieu gibt es neben dem bekannten Auftreten als salafistische*r Prediger*in, das inhaltlich und performativ religiöse Autorität ausstrahlen soll, auch zunehmend ein Auftreten als Influencer*innen. Bekannte Beispiele hierfür sind Abdelhamid oder Hanna Hansen, die eine Mischung aus salafistischer Autorität und nahbarer Social Media-Persönlichkeit verkörpern (dist[ex] monitor 2026, S. 6ff.). Gerade auf TikTok und Instagram erzielen beide damit große Reichweite, ohne eine besonders tiefgehende theologische Expertise zu besitzen. Hansen als reichweitenstarke weibliche Akteurin, die ihr Gesicht vor der Kamera zeigt, bildet zudem eine Ausnahme in einer ansonsten stark männlich dominierten Szene und adressiert damit vor allem (junge) Frauen.

Abb. 3: Screenshot eines Beitrags von Hanna Hansen, in dem sie über vermeintliche Anzeichen des jüngsten Tages spricht.

Aktionsorientierung und realweltliche Gemeinschaft

Veränderungen lassen sich auch bei aktionsorientierten Gruppen beobachten, die stärker auf Kampagnen und öffentlichkeitswirksame Aktionen wie Petitionen oder Demonstrationen setzen. Nach dem Verbot von „Muslim Interaktiv“ durch das Bundesministerium des Innern im Jahr 2025 wurden die Hizb ut-Tahrir-nahen Kanäle von „Generation Islam“ und „Realität Islam“ gezielt zu persönlichkeitszentrierten Accounts umgestaltet, die mittlerweile unter den Namen der jeweiligen Akteure Suhaib R. Hoffmann, Bilal Oromo oder Ahmad Tamim bekannt sind. Durch diese Personalisierung erscheinen ihre Beiträge als Meinungen von Einzelpersonen, was möglicherweise auch dazu dient, Verbindungen zu Vereinigungen, die verboten werden könnten, oder es bereits sind, verschleiern und bestreiten zu können (Möller 2025).

Die Bandbreite an Gruppen und Strömungen der extrem rechten Szene umfasst eine Vielzahl an etablierten rechtsextremen Influencer*innen wie „Eingollan“ oder Tim Kellner. Auch gewaltbereite (Jugend-)Organisationen wie die „Elblandrevolte“, die im Umfeld der Jugendorganisation der Partei „Die Heimat“ (ehemals NPD) zu verorten ist, und Gruppierungen wie „Deutsche Jugend Voran“ zeigen ihre Offline-Aktionsbereitschaft im Internet. Und auch rechtsextremistische (Kleinst-)Parteien wie die Freien Sachsen bündeln, organisieren und dokumentieren verschiedene antidemokratische Proteste. Schließlich stehen in sogenannten Active Clubs soziale (Offline-)Aktivitäten wie Kampfsport im Vordergrund, die körperliche Stärke und Gemeinschaft für die digitale Gefolgschaft inszenieren (Mellea 2024). Insgesamt zeigt sich, dass rechtsextremistische Gruppen derzeit häufig einen aktionsorientierten Fokus legen, der darauf abzielt, nicht nur online in Kontakt zu treten, sondern auch Offline-Aktionen anzubieten – und diese dann in den Sozialen Medien propagandistisch und als Rekrutierungsmaßnahme zu verwerten. Nicht selten stehen dabei zunächst gemeinsames Wandern, Trainieren, Demonstrationsbesuche oder andere nicht-digitale soziale Aktivitäten im Vordergrund, bevor im weiteren Verlauf der Interaktion der Fokus stärker auf ideologische Inhalte gelegt wird.

Hybridisierung

Neben der Ausdifferenzierung bekannter Phänomenbereiche verbreiten sich zunehmend auch neue, vermischte Formen von Extremismus und Menschenfeindlichkeit (Brinkmöller, Büchsenschütz und Kreisel 2025). In sozialen Netzwerken finden sich extremistische Akteur*innen, die sich gesellschaftliche Trends zunutze machen, etwa die beliebten Themen Ernährung und Gesundheit, und diese mit Verschwörungsmythen kombinieren. So vertreten etwa Influencer*innen, die sich vordergründig mit Ernährung, Gesundheit, Finanzen oder Coaching befassen, zugleich anti-demokratische und teilweise menschenfeindliche Positionen. Ähnlich gelagert sind Ansprachen von Influencer*innen, die eine gesellschaftliche Reflexion von Geschlechterkonstruktion kritisieren und stattdessen eine vermeintlich „starke“ Männlichkeit propagieren.

Diese Akteur*innen weisen nicht immer ein geschlossenes extremistisches Weltbild auf und bedienen teils unterschiedliche Narrative, tragen jedoch zur breiten gesellschaftlichen Normalisierung von Hass und Menschenfeindlichkeit bei, insbesondere in den Bereichen Queerfeindlichkeit, Misogynie, Antisemitismus und Rassismus. Sie normalisieren und bagatellisieren zudem bisweilen klar extremistische Inhalte und können dadurch eine Scharnierfunktion in Radikalisierungsprozessen von hierfür empfänglichen, jungen Zielgruppen einnehmen.

Ein Beispiel für ein relativ neues Phänomen, das in den letzten Jahren immer mehr Aufmerksamkeit erhält, ist „Nihilistic Violent Extremism“ (NVE), bzw. „nihilistische Gewalt“. Dabei handelt es sich um einen vielschichtigen Phänomenbereich, der als Arbeitsbegriff unterschiedliche Formen von gewalt- und aktionsorientierten Online-Communities umfasst, inklusive pädokrimineller Strukturen. Eine Gemeinsamkeit der NVE-Akteur*innen besteht darin, Leid, Gewalt und Chaos verursachen zu wollen, ohne dies in einen klaren ideologischen Rahmen einzubetten oder zwangsläufig auf eindeutige politische Ziele hinzuarbeiten. Dieses digitale Ökosystem entleiht jedoch ästhetische und inhaltliche Referenzen aus extremistischen Bewegungen, insbesondere dem okkultistischen Rechtsextremismus und weist stellenweise auch personelle Überschneidungen auf. Gleichzeitig liegt der Fokus meist auf Gewalt- und Machtausübung, wofür bisweilen auch andere Extremismen, wie etwa Dschihadismus, taktisch als Mittel zum Zweck bedient werden. In Deutschland wurde das Phänomen vor allem seit 2025 über den sog. White-Tiger-Fall in Hamburg einer größeren Öffentlichkeit bekannt, wobei der öffentliche Fokus hierbei zumeist auf den pädokriminellen Elementen sowie der Anstiftung zu Selbstverletzung und Suizid liegt.

Fazit

All dies verdeutlicht, wie herausfordernd extremistische Kommunikationsstrategien in den Sozialen Medien sind und bleiben. Konkrete Themen, die Aufbereitung der Ansprache und die technische Umsetzung extremistischer Kommunikation sind dynamisch und wandeln sich schnell. In den zugrundeliegenden extremistischen Erzählungen zeigt sich jedoch eine Kontinuität, ebenso wie in den zentralen biografischen, emotionalen und psychosozialen Faktoren bei Radikalisierungsprozessen.

Eine zukünftig immer relevanter werdende Herausforderung für die Extremismusprävention wird es sein, neuen technischen Entwicklungen zeitnah und wirksam zu begegnen. Mit Künstlicher Intelligenz erstellte Bilder ermöglichen es extremistischen Akteur*innen, schnell, kostengünstig und professionell ihre Inhalte zu visualisieren. KI erleichtert es den Akteur*innen, abstrakte und pauschalisierende Gedankenbilder, wie bspw. einen vermeintlichen Sozialleistungsbetrug durch Migrant*innen oder einen mörderischen Krieg gegen alle Muslim*innen, bildlich darzustellen. Dies bindet die Aufmerksamkeit der Nutzer*innen. Zudem werden dadurch extremistische Narrative anschaulicher, lebendiger und eindringlicher vermittelt. KI lässt sich also nutzen, um gewünschte Fiktionen als Realitäten zu etablieren, etwa im Zuge von Desinformationen (Ayyadi 2024).

Die (kommunikativen) Angebote extremistischer Akteur*innen werden wahlweise durch autoritäre Ansprachen und Vorgaben zur Lebensgestaltung, empathisch wirkendendes Aufgreifen von Frustrationen und realen Erfahrungen, niedrigschwellige Kontaktmöglichkeiten sowie Erlebnisangebote unterbreitet. So differenziert sich das extremistische Angebot aus und kann verschiedene Zielgruppen, Bedürfnisse und Interessen ansprechen. Die verschiedenen Formen der Ansprache vieler extremistischer Akteur*innen adressieren im Kern gezielt Frustrationen, Krisenerlebnisse, Bedrohungswahrnehmungen, Wünsche nach Sicherheit, Sinnhaftigkeit und Anerkennung, um dadurch zu überzeugen und zu mobilisieren. Damit zielen extremistische Akteur*innen auf zentrale psychosoziale Bedürfnisse von Menschen, was eine starke motivationale Wirkung entfalten kann. Es ist also ebenso herausfordernd wie wichtig, diejenigen Personen möglichst direkt zu erreichen, die sich in Krisensituationen befinden oder aus anderen Gründen empfänglich für extremistische Ansprachen sind. Die jahrzehntelange sozialarbeiterisch orientierte Expertise und das Erfahrungswissen von Organisationen der Präventions- und Distanzierungsarbeit stellen eine besonders wertvolle Grundlage für den Umgang mit diesen Faktoren und Prozessen dar.

Ein wirksames Gegenangebot zu Mobilisierungsstrategien extremistischer Akteur*innen muss die künstliche Trennung zwischen analogen und digitalen Dimensionen und Lebenswelten überwinden und zugleich den damit einhergehenden Wechselwirkungen und Bedürfnissen Rechnung tragen. Angesichts der Verschmelzung von digitalen und nicht-digitalen Lebensrealitäten braucht es folglich Angebote, die Personen dort erreichen, wo die Inhalte (online) rezipiert werden und ihnen Wege zu bewährten Beratungsstrukturen (online wie offline) und Hilfsangeboten ermöglichen bzw. erleichtern. Nur so lässt sich umfassend der Gefahr begegnen, dass sich Personen durch neue Formen der Ansprache den altbekannten extremistischen Überzeugungen und Gruppen zuwenden.

Autoren:

Niklas Brinkmöller ist Koordinator für Monitoring und wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Violence Prevention Network. Er studierte Politikwissenschaft, Psychologie sowie Friedens- und Konfliktforschung. Schwerpunktmäßig beschäftigt er sich mit dem Monitoring und der Analyse von Social Media-Inhalten und -Trends und den Kommunikationsstrategien extremistischer Akteur*innen.

Niklas von Reischach arbeitet seit Juli 2024 im Fachbereich Digital von Violence Prevention Network. Er promovierte an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Seine Promotion Desinformationen als journalistische Glitches ist 2026 im transcript Verlag erschienen.

Literaturverzeichnis

Ayyadi, Kira. 2024. „AfD beauftragt Rechtsextremen mit KI-Wahlkampf“. Belltower.News. Zugriff am 16. März 2026. https://www.belltower.news/tannwald-media-afd-beauftragt-rechtsextremen-mit-ki-wahlkampf-157509/

Brinkmöller, Niklas, Benedikt Büchsenschütz und Luis Kreisel. 2025. „Hybridisierung, Fragmentierung, Individualisierung – Extremistische Ideologien im Wandel? Einblicke aus Expert*inneninterviews mit Berater*innen der Präventions- und Distanzierungsarbeit und der Analyse von Social Media-Netzwerken.“ Violence Prevention Network Schriftenreihe Heft 15. Zugriff am 16. März 2026. https://violence-prevention-network.de/wp-content/uploads/2025/11/Violence-Prevention-Network-Schriftenreihe-Heft-15.pdf

dist[ex] monitor. 2025. „Bericht 4. Quartal 2025“. dist-ex.de. Zugriff am 16. März 2026. https://www.dist-ex.de/publikationen/detail/distex-monitor-bericht-4-quartal-2025

dist[ex] monitor. 2026. „Bericht 1. Quartal 2026“. dist-ex.de. Zugriff am 19. März 2026. https://www.dist-ex.de/publikationen/detail/distex-monitor-bericht-1-quartal-2026

Karo, Gilad, Tom Divon und Blake Hallinan. 2026. „The TikTok Caliphate: How Jihadist Supporters Exploit

Algorithmic Recommendations and Evade Content Moderation“. Social Media + Society, 12(1). Zugriff am 19. März 2026. https://journals.sagepub.com/doi/epub/10.1177/20563051251412167

Kuzev, Pencho. 2025. „Unkontrollierte algorithmische Macht – Die Bedrohung der Demokratie ist real“. Konrad-Adenauer-Stiftung. Zugriff am 18. März 2026. https://www.kas.de/de/web/die-politische-meinung/artikel/detail/-/content/unkontrollierte-algorithmische-macht

Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (mpfs). 2025. „JIM-Studie 2025 – Jugend, Information, Medien“. mpfs.de. Zugriff am 16. März 2026. https://mpfs.de/app/uploads/2025/11/JIM_2025_PDF_barrierearm.pdf

Mellea, Jessa. 2024. „Kameradschaft, Fitness und Faschismus: Active Clubs in Deutschland“. cemas.io. Zugriff am 16. März 2026. https://cemas.io/blog/active-clubs-in-deutschland/

Möller, Patrick. 2025. „Das Ende von Generation Islam und Realität Islam – Alter Wein in neuen Schläuchen“. Bundesarbeitsgemeinschaft religiös begründeter Extremismus. Zugriff am 19. März 2026. https://www.bag-relex.de/das-ende-von-generation-islam-und-realitaet-islam/

Whittaker, Joe, Sean Looney, Alastair Reed, und Fabio Votta. 2021. „Recommender systems and the amplification of extremist content.“ Internet Policy Review, 10(2). Zugriff am 19. März 2026. https://doi.org/10.14763/2021.2.1565

Wiedemann, Hanna, Rainer Thomasius und Kerstin Paschke. 2025. „Problematische Mediennutzung bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland: Ergebnisbericht 2024/2025. Ausgewählte Ergebnisse der siebten Erhebungswelle im September/Oktober 2024.“ dak.de/mediensucht. Zugriff am 16. März 2026. https://caas.content.dak.de/caas/v1/media/91492/data/7e8e26f78f4c5d590a9060daaceb15c3/20250312-dzskj-pk-bericht-final.pdf

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Screenshot eines Instagram-Beitrags des Accounts „mkd_nds“ vom 21. Juli 2025. Zugriff am 04. September 2025. (Account und Beitrag nicht mehr abrufbar)

Abbildung 2: Screenshot eines Instagram-Beitrags des Accounts „wilhelm_kachel“ vom 06. Februar 2026. Zugriff am 19. März 2026. https://www.instagram.com/p/DUaiVIRDf42/

Abbildung 3: Screenshot eines Instagram-Beitrags des Accounts „hannahansenofficial“ vom 09. Oktober 2024. Zugriff am 19. März 2026. https://www.instagram.com/p/DA6QC-TqWxP/


[1] Aktuelle Informationen über Trends, Akteur*innen und Herausforderungen zu islamistischem Extremismus, Rechtsextremismus, Verschwörungsmythen und ähnlichen Phänomenbereichen finden Sie bspw. bei dist[ex]: Auf dem Telegram-Kanal dist[ex] monitor werden regelmäßig aktuelle Beiträge veröffentlicht. Zudem erscheint quartalsweise ein Monitoringbericht auf www.dist-ex.de/publikationen.

[2] Problematisches oder pathologisches Nutzungsverhalten bezieht sich etwa auf den sozialen Umgang oder die Leistungen in Schule, Job oder Ausbildung.

[3] Gleichzeitig gilt es an dieser Stelle auch festzuhalten, dass viele Menschen mit extremistischen Inhalten konfrontiert werden und nicht deren Positionen übernehmen. Eine verkürzte, simplifizierende Annahme einer Einstellungs- und Verhaltensänderung durch die bloße Rezeption dieser Inhalte ist also nicht plausibel. Es braucht folglich einen detaillierteren Blick auf Narrative, Themen, Ansprachen und individuelle Bedürfnisse.

[4] Dieses Bild wird teilweise gebrochen: Schwarze Menschen und People of Colour treten in sozialen Netzwerken bspw. als Unterstützer*innen der AfD in Erscheinung. Diese flexible sowie öffentlichkeitswirksame Erweiterung des „Deutschseins“ bricht mit o. g. Vorstellung eines homogenen und weißen Deutschlands. Sie erweist sich für die Adressierung neuer Wähler*innen-Gruppen opportun und wird daher mutmaßlich strategisch genutzt.

[5] Wie sich radikale Ideologien über Clips und Clip-Farming verbreiten, beschreiben Una Titz und Julia Uebelacker für die Amadeu Antonio Stiftung (17.03.2026) unter: https://www.belltower.news/clavicular-wie-clip-farms-radikale-ideologie-viral-machen-164957/ (letzter Abruf: 18.03.2026).

[6] Parasoziale Beziehungen bezeichnen einseitige soziale Beziehungen, bei denen bspw. Zuschauer*innen der Illusion aufsitzen, eine freundschaftliche Beziehung zu den Influencer*innen zu haben bzw. sie besser zu kennen, obwohl diese sie nicht kennen. Siehe hierzu z. B. Zoe Olbermann und Philine Janus für die Bundeszentrale für politische Bildung (05.04.2024): https://www.bpb.de/lernen/digitale-bildung/werkstatt/546934/parasoziale-beziehungen-wenn-freundschaft-zur-illusion-wird/ (letzter Abruf: 19.03.2026).