Wissen, das ankommt – Zielgruppenspezifischer Wissenstransfer in der Radikalisierungsprävention

Von Alexander Swidziniewski (Team RADIS, Violence Prevention Network) und Manuela Freiheit

Das Wissen über Radikalisierungsprozesse und Präventionsansätze wächst kontinuierlich. Doch wie gelangen wissenschaftliche Erkenntnisse in die Praxis? Während Forschung neue Einsichten zu Ursachen, Dynamiken und Interventionsmöglichkeiten hervorbringt, stehen Fachkräfte vor der Herausforderung, diese unter konkreten Handlungsbedingungen nutzbar zu machen. In diesem Spannungsfeld entscheidet sich, ob Erkenntnisse handlungswirksam werden oder folgenlos bleiben.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie wissenschaftliche Erkenntnisse so aufbereitet und vermittelt werden können, dass sie praxisnah, anschlussfähig und handlungsrelevant sind. Dazu haben wir Rückmeldungen aus drei Webtalkreihen ausgewertet, die das Transferprojekt RADIS in Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) und ufuq.de (als Teil des Projekts KN:IX connect) in den Jahren 2023, 2025 und 2026 durchgeführt hat. Insgesamt nahmen 2.037 Personen aus Fachpraxis, Schule, Sicherheitsbehörden, Wissenschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft teil.

Grundlage der Analyse sind standardisierte Online-Evaluationen, die nach jedem Webtalk erhoben wurden. Insgesamt flossen 507 vollständig ausgefüllte Fragebögen sowie offene Antworten in die Auswertung ein. Ziel des Beitrags ist es, zentrale Gelingensbedingungen zielgruppenspezifischen Wissenstransfers herauszuarbeiten und Impulse für die Gestaltung transferorientierter Formate in der Radikalisierungsprävention zu geben.

Was guten Wissenstransfer ausmacht

Dialog und Interdisziplinarität als Gelingensbedingungen

Ein zentraler Punkt kristallisiert sich aus den Rückmeldungen klar heraus: Guter Wissenstransfer lebt vom konstruktiven und interdisziplinären Dialog. Besonders positiv hervorgehoben wurde die Verbindung von wissenschaftlicher Analyse und praxisorientierter Perspektive. Referierende, die Forschungsergebnisse anhand konkreter Handlungssituationen einordnen, erhöhen die Anschlussfähigkeit deutlich. Abstrakte Konzepte brauchen praktische Erdung, praktische Erfahrungen wiederum theoretische Rahmung, um über den Einzelfall hinaus zu wirken.

Wer dabei aus unterschiedlichen fachlichen Perspektiven auf ein Thema schaut, eröffnet mehr Zugänge und vertieft die Diskussion. Zugleich stärken Vortragende ihre Glaubwürdigkeit, wenn sie Unsicherheiten und Grenzen des eigenen Wissens transparent machen. Gerade dadurch entsteht Austausch auf Augenhöhe. Interdisziplinarität ist damit kein nettes Add-on, sondern eine zentrale Gelingensbedingung zielgruppenspezifischen Wissenstransfers.

Themen, die wirklich bewegen

Wissenstransfer entfaltet seine Wirkung besonders dann, wenn er an konkrete Handlungssituationen im Arbeitsalltag anschließt. So weckte etwa das Thema digitale Radikalisierung besonders großes Interesse: Wie wirken Gaming-Kulturen, TikTok oder Instagram als Räume, in denen sich Radikalisierungsprozesse anbahnen oder beschleunigen? Große Resonanz fanden außerdem Themen, wie bspw. Co-Radikalisierung, also die wechselseitige Verstärkung unterschiedlicher Phänomenbereiche, die Verbindung von Männlichkeitsbildern und Extremismus sowie Einsamkeit als möglicher Radikalisierungsfaktor. Speziell pädagogische Fachkräfte treibt zudem die Frage um, wie sie mit aufgewühlten Emotionen im Unterricht umgehen können, etwa wenn es um den Nahostkonflikt geht.

„Islamismus und Extremismus sind weiterhin ein Thema, aber die Erscheinungsformen und Motivationen werden zunehmend komplexer.“ (Teilnehmende, Webtalkreihe 2025)

„Ich fühle mich besser befähigt, dem Thema weniger emotional zu begegnen bzw. mit Emotionen junger Menschen in meiner Arbeit umzugehen.“ (Teilnehmende, Webtalkreihe 2025)

Was verbindet diese Themen? Sie berühren konkrete Unsicherheiten im Arbeitsalltag. Pädagogische Fachkräfte begegnen ihnen nicht in Fachartikeln, sondern in Gesprächen, im Unterricht oder auf Schulhöfen. Sie brauchen keine abstrakten Problemdiagnosen, sondern kontextnahe Analysen, die helfen, Beobachtungen einzuordnen und handlungsfähig zu bleiben. Wissenstransfer ist deshalb besonders wirksam, wenn er auf die berufliche Lebenswirklichkeit der Zielgruppen zugeschnitten ist.

Von der Erkenntnis zur Handlung

Durch alle drei Webtalkreihen zieht sich ein zentrales Bedürfnis: der Wunsch nach Best Practices. Fachkräfte möchten nicht nur wissen, was in der Theorie funktioniert. Sie wollen sehen, wie andere Praktiker*innen mit ähnlichen Herausforderungen umgegangen sind. Wie reagiere ich, wenn im Klassenraum eine rassistische Äußerung fällt? Wie entwickle ich ein schulisches Präventionskonzept, das wirklich zur eigenen Einrichtung passt? Wie integriere ich digitale Präventionsansätze in eine Praxis, die oft noch analog denkt?

„Wenn man interveniert, sollte man immer situationsbedingt schauen, was die Ziele sind: Will ich Betroffene schützen, will ich Zuhörende/Beobachtende als Alliierte gewinnen? Keineswegs sollte man aber nichts tun – das bestätigt Rassist*innen in ihrem Tun.“  (Teilnehmende, Webtalkreihe 2023)

Genau hier liegt eine entscheidende Hürde: der Schritt von der Erkenntnis zur Handlung. Zielgruppenspezifischer Wissenstransfer braucht deshalb drei Dinge: 1) die Übersetzung in konkrete Handlungsoptionen, 2) gezielte Reflexionsimpulse und 3) methodische Werkzeuge, die sich im Alltag tatsächlich einsetzen lassen.

Transferprozesse zwischen Wissenschaft und Praxis sind jedoch keine Einbahnstraße: Wissenschaftler*innen liefern Analysen, Einordnungen und Befunde. Patentrezepte für den Alltag gehören selten zu ihrem (Selbst-)Verständnis. Was es braucht, ist ein gemeinsamer Übersetzungsprozess: Fachkräfte bringen Kontextwissen, Praxiserfahrung und konkrete Herausforderungen ein, Wissenschaftler*innen ihre Forschungserkenntnisse. Erst im Austausch entstehen Handlungsoptionen, die tragfähig sind. Transfer gelingt deshalb nur, wenn Formate Raum für diesen Dialog schaffen und beide Seiten bereit sind, den nächsten Schritt gemeinsam zu gehen.

Wo Wissenstransfer an seine Grenzen stößt

Doch welche Formate schaffen diesen Raum tatsächlich und wo bleibt Transfer hinter seinem Potenzial zurück? Die Feedbackbögen geben darauf konkrete Antworten und lassen drei Dimensionen erkennen: Struktur und Didaktik, Anschlussfähigkeit an die Zielgruppen und Nachhaltigkeit.

Klassische, vorwiegend input-orientierte Formate sind nur begrenzt geeignet, um produktiven Transfer zu ermöglichen. Deutlich wirksamer erscheinen Dialogformate, aktiv moderierte Gespräche oder auch kontrovers angelegte Streitgespräche. Der gezielte Einsatz interaktiver Tools kann dabei helfen, Teilnehmende stärker einzubinden. Teilnehmende nehmen vorbereitete Beiträge teilweise als zu stark wissenschaftlich geprägt wahr, wodurch ihre Übertragbarkeit auf den Praxisalltag sinkt. Gewünscht wird eine stärkere Orientierung an konkreten Fragestellungen und eine systematische Aufbereitung von Handlungsempfehlungen.

Auch die Nachhaltigkeit der Formate bleibt eine Herausforderung. Ein einmaliger Austausch reicht oft nicht aus, um Wissen langfristig zu verankern. Vertiefende Follow-up-Formate, Vernetzungsmöglichkeiten und die Bereitstellung von Materialien wurden deshalb vielfach als sinnvoll benannt. Transfer stößt zudem dort an Grenzen, wo Inhalte zu dicht oder zu abstrakt bleiben, Praxisbezüge fehlen oder Möglichkeiten zur aktiven Beteiligung ausbleiben.

Empfehlungen für besseren Wissenstransfer

Aus den Rückmeldungen lassen sich konkrete Ansatzpunkte für die Weiterentwicklung von Wissenstransferformaten ableiten. Entscheidend ist, Formate konsequent an den Bedürfnissen der Zielgruppen auszurichten und didaktische, inhaltliche und strukturelle Aspekte stärker aufeinander abzustimmen.

Zentral ist dabei die Reduktion der Input-Dichte: Webtalks sollten inhaltlich klar fokussiert werden, um die kognitive Verarbeitung zu erleichtern und Raum für vertiefte Auseinandersetzung zu schaffen. Dialogische Formate und eine moderierte Diskussion, die Teilnehmende gezielt einbindet, helfen dabei, den Austausch gemeinsam zu gestalten, statt Transfer als einseitige Wissensvermittlung zu verstehen.

Inhaltlich zeigt sich zudem die Notwendigkeit, aktuelle Entwicklungen systematischer einzubeziehen. Teilnehmende verwiesen insbesondere auf Dynamiken in digitalen Räumen, geschlechterbezogene Aspekte oder Formen der Co-Radikalisierung. Welche Themen künftig relevant werden, bleibt offen und sollte kontinuierlich beobachtet werden.

Darüber hinaus braucht es eine stärkere Verknüpfung von Mikroebene (Schule, Jugendarbeit) und Makroebene (gesellschaftliche Diskurse), um Zusammenhänge transparenter zu machen und die Handlungssicherheit in der Praxis zu erhöhen. Auch bislang wenig beachtete Themen und Nischenthemen sollten stärker berücksichtigt werden, um bestehende Wahrnehmungslücken zu reduzieren und der Breite praktischer Herausforderungen besser gerecht zu werden.

Löst Wissenstransfer seinen Anspruch ein?

Diese Frage lohnt sich am Ende eines Beitrags, der sich mit Gelingensbedingungen, Zielgruppen und Formaten beschäftigt hat. Denn Wissenstransfer ist mehr als die Weitergabe von Informationen. Er ist, wenn er gelingt, ein dialogischer und reflexiver Prozess; einer, der nicht nur Wissen transportiert, sondern Denkbewegungen anstößt, Unsicherheiten produktiv macht und Handlungsfähigkeit stärkt.

Die Rückmeldungen aus den Veranstaltungsreihen 2023, 2025 und 2026 zeichnen ein ermutigendes Bild. Dort, wo Interdisziplinarität gelebt wurde, entstand echte Anschlussfähigkeit. Dort, wo aktuelle Themen entschlossen und kontextsensibel behandelt wurden, fühlten sich Fachkräfte in ihrer Arbeitsrealität abgeholt. Dort, wo Dialog möglich war, entfaltete Wissenstransfer nachhaltigere Wirkung als bspw. nach einem präzisen, wissenschaftlichen Input.

Gleichzeitig zeigen die Rückmeldungen weiteres Entwicklungspotenzial: Die didaktische Reduktion komplexer Inhalte bleibt eine Daueraufgabe. Praxisnahe Handlungsempfehlungen fehlen oft noch – nicht weil das Wissen fehlt, sondern weil der letzte Übersetzungsschritt ausbleibt. Mehr Interaktion ist kein Wunsch nach Unterhaltung, sondern ein berechtigter Anspruch an Formate, die Fachkräfte als aktive Akteur*innen ernstnehmen und gezielt einbinden.

Feedback aus Veranstaltungen sollte daher nicht als bloßes Stimmungsbild verstanden werden, sondern als Grundlage für die gezielte Weiterentwicklung von Formaten. Wissenstransfer gelingt dann, wenn er diesen Rückkopplungskreis ernstnimmt und als gemeinsamer Prozess des Verstehens, Einordnens und Handelns gestaltet wird.

Zum Projekt:

RADIS – Forschung zu den gesellschaftlichen Ursachen und Wirkungen des radikalen Islam in Deutschland und Europa

In der BMBF-Förderbekanntmachung „Gesellschaftliche Ursachen und Wirkungen des radikalen Islam in Deutschland und Europa“ forschen zwölf Forschungsprojekte zu den vielen Facetten des Phänomenbereichs radikaler Islam: Welche Gründe lassen sich für das Erstarken islamistischer Tendenzen im deutschsprachigen und europäischen Raum identifizieren? Wie wirken islamistische Strömungen auf bestimmte gesellschaftliche Gruppen oder die Gesellschaft als Ganzes? Und welche Schlüsse können aus diesen Erkenntnissen für die Arbeit der Präventionspraxis, Politik und Verwaltung, Zivilgesellschaft, Sicherheitsbehörden und Medien gewonnen werden? Diesen und weiteren Fragen gehen Forschende vieler verschiedener Disziplinen aus unterschiedlichsten theoretischen und methodischen Blickwinkeln im Zeitraum von 2020 bis 2026 nach.