„Dialog ist innerliche Befreiung“: Interview mit den Mitinitiatoren des „House of One“

Osman Örs und Esther Hirsch haben in Berlin etwas Einmaliges mitinitiiert: das sogenannte „House of One“, ein Haus, unter dessen Dach sich eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee befinden. Seit 2019 wird es gebaut, aber Örs und Hirsch vermitteln bereits wesentlich länger zwischen Religionen. Islam-ist hat nachgefragt, wie sie zum interreligiösen Dialog kamen.

Islam-ist: Herr Örs, Frau Hirsch, können Sie sich eben vorstellen?

Osman Örs: Ich bin gebürtiger Bremer und dort auch aufgewachsen. Meine Eltern stammen aus der Türkei. Ich bin 40 Jahre alt, verheiratet, habe zwei Kinder und nach meinem Abitur in Bremen bin ich nach Göttingen gezogen, für mein Studium der Islamwissenschaft und Pädagogik. Dann habe ich lange Jahre in Göttingen gelebt, dort auch geheiratet, Familie bekommen, mein Studium abgeschlossen und war lange Jahre im Raum Göttingen als Dialogbeauftragter tätig, insbesondere war ich im interreligiösen Dialog engagiert.

Esther Hirsch: Ich arbeite wie Osman auch beim „House of One“. Ich bin jüdisch-theologische Referentin, also das Gegenstück zu Imam Osman Örs. Wir haben auch noch einen dritten Kollegen, einen christlichen Kollegen: Frithjof Timm. Und das ist das Prinzip im House of One: Wir informieren und bereichern uns gegenseitig, und deshalb haben wir sozusagen die gleiche Funktion, aber zu dritt. Ich bin außerdem noch jüdische Kantorin in der jüdischen Gemeinde zu Berlin. Das ist die Vorsängerin und Vorbeterin in einem Gottesdienst in der Synagoge. Und von Haus aus: Ich bin in Berlin geboren, habe zwei Kinder, 17 und 12, und bin gelernte Fernsehjournalistin.

Verschiedene Wege zum interreligiösen Dialog

Islam-ist: Wie kamen Sie zum interreligiösen Dialog?

Örs: Gleich zu den Anfangszeiten meines Studiums war nicht nur ich, sondern die ganze Welt mit dem schrecklichen Ereignis des sogenannten 11. Septembers konfrontiert. Dieses Ereignis hat die ganze Welt zerrüttet, aber auch mich persönlich stark innerlich getroffen. Ich habe gespürt, wie ab diesem Moment die Augen auf Muslime, die Wahrnehmung der Muslime auf einmal eine andere wurde. Ich habe mich verantwortlich gefühlt, mich immer wieder aufgrund meines Glaubens rechtfertigen zu müssen. Dieses verzerrte Bild über meinen Glauben war überall sichtbar – sei es in den Medien oder in den Köpfen der Menschen. Es war nicht das Bild des Islam, das ich kannte und das ich nicht wahrhaben wollte.

Islam-ist: Wie wollte Sie dies überwinden?

Örs: Man hat einfach Wege gesucht, sich zu erklären. Das hat mich dann direkt in den Dialog geführt: Mit der Verantwortung, mich selber, meine Religion quasi wieder ins rechte Licht zu rücken, habe ich aber auch gleichzeitig immer wieder Einblicke in die Glaubenswelt des Anderen bekommen: des Christen, des Juden. Das hat mich sehr bereichert und berührt.

Denn wozu brauchen wir Dialog? Wozu brauchen wir Begegnungen? Um ein normales Leben zu führen. Für mich war es einfach die Sehnsucht nach Normalität. Man hatte ganz normale Freundschaften, man wurde ganz normal wahrgenommen. Aber dieses verzerrte Bild hat dann auf einmal diese Normalität durchbrochen.

„Du kannst mich fragen!“

Islam-ist: Welche Erfahrungen haben Sie zum interreligiösen Dialog gebracht, Frau Hirsch?

Hirsch: Ich glaube, Osman hat es schon sehr gut zusammengefasst mit dem Bedürfnis: Man steckt mit einem Schlag drin. Wenn man das erste Mal eine Frage beantwortet, dann kommt man da nicht mehr raus, denn man merkt, wie wenig der andere über einen weiß, was für ein Fremdbild der andere von einem hat, was einen zutiefst erschreckt. Was wissen die Menschen überhaupt in der Welt, aber auch in Deutschland von Juden? Sie haben eine so fremde Wahrnehmung, die ich nie von mir gehabt habe, nämlich dass ich anders bin. Und wenn man diesen Weg weitergeht, wenn man das zulässt, dann steckt man eben auch schon mitten im interreligiösen Dialog. Ich hatte auch in diesem Sinne kein Schlüsselerlebnis.

Ich bin einmal von einer christlichen Gemeinde eingeladen worden, weil sie eine Jüdin kennenlernen wollten. Und die waren ganz überrascht. Und ich habe auch Fragen gestellt bekommen wie: „Wie, Sie sprechen Deutsch?“ Und als ich gesagt habe, ich bin sogar in Berlin geboren, konnten sie sich das gar nicht vorstellen. Dabei kann ich ja jetzt noch nicht einmal sagen, dass ich mich optisch besonders von Durchschnittsdeutschen unterscheide. Da habe ich dann gemerkt, was da für ein Bedürfnis an Fragen ist, was sich die meisten normalerweise nicht trauen zu fragen, entweder weil sie keinen Ansprechpartner haben oder sich nicht trauen. Wenn man dann kommt und sagt: „Du kannst mich fragen!“, dann ist da eine ganz große Neugier, und eigentlich ist das schön.

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Islam-ist: Sie wurden als Berlinerin also häufig nicht als Deutsche wahrgenommen?

Hirsch: Das Jüdischsein und Deutschsein wird von vielen bereits als Widerspruch angesehen. Ich glaube, das ist auch das, was viel, viel Hass aufkommen lässt: Dass Juden allgemein mit dem Staat Israel gleichgesetzt werden und daher auch die Kontroverse kommt und man denkt, die Juden seien hier nicht zuhause. Natürlich bin ich hier zuhause, bestimmt seit Generationen. Das ist ja gar keine Frage. Und diese Trennung von Religion und Staatszugehörigkeit, die gilt es hier auch aufzubrechen.

Örs: Der Mensch ist geprägt durch Vorurteile und gewisse Ängste, die er in sich trägt. Und ich habe immer gemerkt: Wenn man ehrlich ist, dann muss man zugeben, dass man mit Vorurteilen teilweise behaftet ist oder war. Aber in dem Moment, in dem man merkt, dass ein eigenes Vorurteil, das man hat, sich in Luft auflöst, dann ist das eine Befreiung. Und Freiheit ist etwas Schönes. Der Zweck des Dialogs ist auch eine Art gewisse innerliche Befreiung von den Vorurteilen, die man in sich hat.

„Die Menschen sind entweder Geschwister im Glauben oder sie sind Geschwister in ihrer Menschlichkeit.“

Islam-ist: Auf welche Herausforderungen treffen Sie noch in ihrer Arbeit?

So soll das fertige „House of One“ in Berlin aussehen.
Die Grundsteinlegung wurde aufgrund der Pandemie verschoben.

Hirsch: Viele trauen sich nicht, den Menschen dahinter kennenzulernen, weil er ja bereits Muslim ist, weil er Jude ist, weil er Christ ist, weil er schon in eine Schublade gehört, die ich nicht mag – die ich nicht mag, weil ich sie nicht kenne. Das, glaube ich, ist schon das Problem: Ich traue mich gar nicht, jemanden kennenzulernen, weil ich ja schon eine Meinung habe. Mit dem Vertrauen kann ich das vielleicht lösen. Ich muss ja nicht mit allem einverstanden sein: nicht mit seiner politischen Haltung, nicht mit seiner religiösen Haltung.

Aber ich muss ihn ja erst einmal kennenlernen. Ich muss mich erst einmal mit ihm auseinandersetzen. Und damit sind wir auch gleich mittendrin beim Thema Diversität: Auch innerhalb der Religionen gibt es überhaupt keine Gleichheit. Muslime sind nicht gleich, Juden sind nicht gleich und Christen sind nicht gleich. Und die anderen vielen Religionen sind auch nicht gleich. Es gibt da so viele Unterschiede, die man überhaupt erst mal kennenlernen muss. Und am besten fängt man immer bei sich selbst an, erst mal die Unterschiede seiner eigenen Religion kennenzulernen.

Örs: Wenn die eigene Weltanschauung – und das kann etwa eine islamische, eine christliche oder eine jüdische sein – einen daran hindert, sich kennenzulernen, sich zu begegnen, aus Angst davor, vielleicht seine eigene Identität zu verlieren, dann ist das schade. Denn der vierte Kalif ʿAlī ibn Abī Tālib [arabischer Ausdruck für „Möge Gott mit ihm zufrieden sein“], der sagte so schön: „Die Menschen sind entweder Geschwister im Glauben oder sie sind Geschwister in ihrer Menschlichkeit.“

Wissen über die Ängste des Anderen erlangen

Islam-ist: Wenn man Angst um seine Identität hat, dass man jederzeit seinen Glauben verlieren kann, und deswegen den Kontakt meidet, zeigt das nicht eigentlich auch wie unsicher man im eigenen Glauben ist?

Hirsch: Es ist womöglich das fehlende Wissen gegenüber dem Anderen, dass der Andere ja genauso denken könnte. Diese Unsicherheit gibt es ja nicht nur bei Muslimen. Diese Unsicherheit gibt es genauso bei Juden. Es ist typisch, wenn man eine Minorität ist, wenn man in der Minderheit gegenüber jenen ist, denen man täglich begegnet. Dann versucht man, sich abzugrenzen – und dabei vergisst man, dass es anderen ganz genauso geht.

Juden sind in dieser Gesellschaft auch eine Minderheit und haben oft genau die gleichen Bedenken. Das fängt schon beim Essen an: Darf ich da mitessen und wie verhalte ich mich? Das sind die Regeln, die alle befolgen wollen bzw. sich selber so wenig damit auskennen. Und wenn man da ein festes Wissen hat bzw. auch immer denkt, der andere könnte genau die gleichen Ängste und Befürchtungen haben, dann ist es schon viel einfacher, damit umzugehen und den anderen einfach mal zu fragen: Geht es dir genauso? Wie machst du es?

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