Von Maximilian Campos Ruf und Sandra Schwarz (Violence Prevention Network)
Dieser Artikel erschien zuerst in: Interventionen – Zeitschrift für Verantwortungspädagogik Nr. 20, 2026
Kinder und Jugendliche stehen derzeit weltweit im Fokus der Extremismusprävention und Terrorismusbekämpfung. Fast täglich werden neue Analysen und Studien veröffentlicht, die ein jeweils noch dramatischeres Bild davon zeichnen, wie sehr die Zahl von Kindern und Jugendlichen im Zusammenhang mit extremistischer Radikalisierung und terroristischen Gruppen in den letzten Jahren und Monaten angestiegen ist. Solche Zahlen sind wichtig, um die Brisanz des Themas zu verdeutlichen und ein Momentum zu generieren, neue, umfassende Maßnahmen zur Extremismusprävention und zum Kinder- und Jugendschutz zu entwickeln und umzusetzen. Sie sind jedoch nur ein Baustein auf diesem Weg. Für die Entwicklung nachhaltiger Lösungen ist ein vertieftes Verständnis nicht nur der Dimension, sondern vor allem der zugrundeliegenden Belastungen und Bedürfnisse notwendig. Der folgende Artikel beleuchtet daher zunächst nur kurz die zahlenmäßige Dimension in Deutschland sowie international. Darauf folgt ein vertiefender Blick in die psychologische Forschung, um ursächliche Mechanismen zu identifizieren und weiterführende Empfehlungen zu entwickeln.
Kinder, Jugendliche, Radikalisierung und Gewalt: Was sagen die Zahlen?
Im Jahr 2025 bezogen sich 42 % der terrorismusbezogenen Ermittlungsverfahren in Europa und Nordamerika auf Jugendliche und Minderjährige, wie Zahlen des Global Terrorism Index zeigen (Institute for Economics & Peace 2026). Das ist eine Verdreifachung im Vergleich zu 2021 (ebd.). Wenngleich der Bericht auch darstellt, dass von 31 Anschlagsplänen, in die Minderjährige einbezogen waren, immerhin 97 % durch Sicherheitsbehörden verhindert werden konnten (n=30), sind die Zahlen dennoch Grund zur Sorge. Auch die Statistiken im Bereich der politisch motivierten Kriminalität in Deutschland unterstreichen diese Befunde. Zahlen des Bundeskriminalamtes zum Bereich politisch motivierter Gewalt lassen einen deutlichen Anstieg männlicher jugendlicher Tatverdächtiger im Alter von 14 – 17 Jahren erkennen, von 190 im Jahr 2018 auf 312 im Jahr 2024. Auch bei den weiblichen jugendlichen Tatverdächtigen lässt sich ein deutlicher Anstieg von 29 im Jahr 2018 auf 130 im Jahr 2023, und ein erneuter Abfall auf 59 im Jahr 2024, verzeichnen (siehe Abbildung 1).

Abbildung 1 – Quelle: KPMD-PMK 2018-2024, Bundeskriminalamt 2025.
So deutliche Anstiege, allein in Bezug auf terroristische Aktivitäten und politisch motivierte Gewaltkriminalität legen nahe, dass die Zahlen in Bezug auf andere Arten und Entwicklungsverläufe extremistischer Radikalisierung und damit zusammenhängender Kriminalität deutlich höher sein könnten. Und in der Tat zeigt auch die Aufstellung tatverdächtiger 13- bis 14-jähriger Personen im Bereich politisch rechts motivierter Kriminalität einen besonders eklatanten Anstieg in der Altersgruppe 14- bis 17-Jähriger (siehe Abbildung 2, Bundesregierung 2025). Aber auch in allen anderen Altersgruppen, von Kindern unter 13 bis jungen Erwachsenen von 21-24 Jahren, steigen die Zahlen:
Ein Blick in die extremismuspräventive Praxis zeigt ebenfalls deutlich: In den beiden größten Phänomenbereichen, Islamismus und Rechtsextremismus, berichten die dort tätigen Träger übereinstimmend von einem Anstieg minderjähriger Fälle. Auch wenn minderjährige Jugendliche, vor allem ab dem Alter von 14 Jahren, bereits in der Vergangenheit eine signifikante Zielgruppe der Präventionsarbeit darstellten, hat sich die Herausforderung erneut verschoben. Zunehmend werden selbst Kinder, teils erst zehn Jahre alt, in Zusammenhang mit extremistischen Aktivitäten und/oder Gruppierungen auffällig, zunehmend auch im Kontext von Sicherheitsrelevanz, Gewaltbereitschaft oder sogar Gewalttätigkeit (Becker & Götz 2025; Bundesverband Mobile Beratung 2025, Dantschke 2025, Hell 2025; Komarek 2025; Violence Prevention Network 2026).

Abbildung 2 – Aufstellung tatverdächtiger 13- bis 24-jähriger Personen im Bereich politisch motivierter Kriminalität rechts, Quelle: Bundesregierung 2025, Drucksache 21/1990.
Hinzu kommen zunehmend hybridisierte Phänomene, die sich behördlichen Kategorisierungen und der streng in vermeintlich klare Phänomenbereiche unterteilten Förderpraxis bisher entziehen. Hierzu gehört auch die derzeit vieldiskutierte nihilistische Gewalt bzw. der sog. „nihilistische Extremismus“, dessen bisher bekannteste Netzwerke „764“, „The Com“ sowie Strukturen rund um „Maniac Murder Cult“ und die „True Crime Community“ in den letzten Monaten und Jahren besonders an Relevanz gewonnen haben. Dort entspinnt sich ein digitales Ökosystem, das Elemente von Gore[1], Selbstverletzung, Anstiftung zum Suizid, sexueller Ausbeutung, Pädokriminalität und Glorifizierung von Amoktäter*innen u. a. mit ideologischen Versatzstücken aus Akzelerationismus[2] und Ästhetiken aus dem okkultistischen Neonazismus verbindet. Diese Netzwerke nehmen gezielt vulnerable Kinder und Jugendliche mit psychischen Vorbelastungen ins Visier, mit dem Ziel, sie zu Selbstverletzung, Suizid oder Amoktaten anzustiften. Ebenso werden dort andere Kinder rekrutiert und dazu animiert, gedrängt oder erpresst, selbst zu Täter*innen zu werden. Besonders die komplexen „Täter-Opfer-Dynamiken“, die häufig sehr junge Menschen betreffen, stellen eine große Herausforderung für Praxis und Behörden dar. Der in Deutschland bislang prominenteste Fall ist der aktuell in Hamburg vor Gericht stehende mutmaßliche Täter „White Tiger“, Shahriar J. International wurden insbesondere „764“ und „Maniac Murder Cult“ bereits von Kanada als terroristische Organisationen eingestuft (Public Safety Canada 2025). Aufgrund der nicht immer eindeutigen ideologischen Bezüge und der Vermengung verschiedener strafrechtlicher und für den Kinder- und Jugendschutz relevanter Thematiken fällt das Phänomen derzeit häufig durch bestehende Raster, was eine kohärente Antwort im Sinne von Opferschutz, Prävention und Strafverfolgung erschwert.
Belastungen bei Kindern und Jugendlichen und ihre Auswirkungen
Kinder und Jugendliche wachsen heute weltweit in einem Umfeld multipler Krisen auf. Klimawandel, Kriege, wirtschaftliche Unsicherheiten, gesellschaftliche Polarisierung, wenig regulierte soziale Medien und die Nachwirkungen der Corona-Pandemie prägen ihre Lebenswelt und beeinflussen ihre sozioemotionale Entwicklung sowie ihre psychische Gesundheit. Internationale Daten zeigen einen deutlichen Anstieg psychischer Belastungen: Weltweit lebt etwa jede*r siebte Jugendliche im Alter von 10 – 19 Jahren mit einer psychischen Erkrankung und die meisten Störungen entwickeln sich bereits vor dem 24. Lebensjahr (United Nations Youth Office 2025). Suizid zählt global zu den häufigsten Todesursachen unter Jugendlichen (WHO 2025).
Ähnliche Entwicklungen finden sich im deutschen Kontext. So berichtet die repräsentative COPSY-Längsschnittstudie (2020 – 2025), dass im Herbst 2025 weiterhin über 20 % der Kinder und Jugendlichen in Deutschland psychische Auffälligkeiten oder eine verminderte Lebensqualität aufwiesen – ähnlich viele wie 2024 und etwa 7 % mehr als in der vor der Pandemie durchgeführten BELLA-Studie (vgl. Kaman et al. 2025). Besonders betroffen sind Mädchen und junge Frauen sowie Kinder und Jugendliche, deren Eltern psychisch belastet bzw. ökonomisch oder sozial benachteiligt sind.
Als zentraler Verstärker dieser Entwicklungen gilt die Corona-Pandemie. Schulschließungen und Lockdowns unterbrachen weltweit zentrale Alltagsstrukturen und soziale Erfahrungsräume – insbesondere Schule, Freizeitaktivitäten und Peer-Kontakte – und schwächten damit zentrale Schutzfaktoren für die Entwicklung und das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen (UNICEF 2021).
Die Folgen sind vermehrte internalisierende und externalisierende Auffälligkeiten (siehe auch Martinsone et al. 2022). Internationalen Studien zufolge nahmen Angst- und Depressionssymptome bei Kindern und Jugendlichen im Rahmen der Pandemie drastisch zu (teilweise um 30 – 50 %), insbesondere bei älteren Jugendlichen und Mädchen (Panchal et al. 2023; Racine et al. 2021; UN Youth Office 2025). Auch eine Zunahme von Reizbarkeit, Rückzug und Konzentrationsproblemen sowie – bei älteren Jugendlichen – riskantem Verhalten wie erhöhtem Substanzkonsum konnte beobachtet werden (UNICEF 2021; Panchal et al. 2023). Laut der Langzeitstudie von Martinsone et al. (2022) konnte bei Jugendlichen zudem während der Pandemie über sieben Monate oft kein Zuwachs oder sogar eine Abnahme der sozial-emotionalen Kompetenzen und der Resilienz verzeichnet werden. Bildschirmzeiten und Schlafprobleme nahmen zu, während körperliche Aktivität abnahm (UNICEF 2021). Wenngleich die Pandemie bereits einige Jahre zurückliegt, legen die Befunde nahe, dass viele Kinder und Jugendliche weiterhin mit ihren Folgen zu kämpfen haben.
Auch andere, aktuelle globale Krisen wie der Klimawandel, Kriege oder wirtschaftliche Unsicherheiten wirken sich negativ auf die psychische Gesundheit junger Menschen aus. So berichten Kinder und Jugendliche vermehrt von krisenbezogenen Zukunftsängsten und Gefühlen wie Niedergeschlagenheit, Unsicherheit oder Hoffnungslosigkeit, die mit diesen Ängsten verbunden sind (Kaman et al. 2025; Lawrance et al. 2022; United Nations 2025). Soziale Faktoren wie Einsamkeit, Diskriminierung und fehlende Unterstützung stellen zusätzliche Belastungen dar. Die digitale Lebenswelt wirkt dabei ambivalent: Sie bietet Kommunikationsräume, fungiert zugleich jedoch als eigenständiger Stressor und Verstärker emotionaler Belastung (Kaman et al. 2025).
Gerade in der Adoleszenz wirken sich solche Belastungskonstellationen negativ aus. In dieser Phase stehen Identitätsfindung, Sinnsuche und der Wunsch nach sozialer Zugehörigkeit im Zentrum der Entwicklung. Wird die Bewältigung dieser Entwicklungsaufgaben durch anhaltende Unsicherheit, soziale Isolation oder fehlende Unterstützung erschwert, kann dies mit erhöhter emotionaler Vulnerabilität, einer verringerten Ausbildung sinnvoller Coping-Mechanismen sowie riskantem oder aggressivem Verhalten einhergehen (Martinsone et al. 2022; Aral & Kadan 2023). In Verbindung mit psychosozialen Belastungen und intensiver digitaler Mediennutzung erhöht sich die Anfälligkeit für vereinfachende Weltbilder, polarisierende Narrative und gruppenbezogene Feindbilder.
Mögliche Zusammenhänge mit einer extremistischen Radikalisierung von Kindern und Jugendlichen
Konkrete Untersuchungen dazu, ab wann Kinder politische „Weltbilder“ entwickeln oder ab welchem Alter man von Radikalisierung sprechen kann, fehlen bisher (Reifen-Tagar & Cimpian 2022). Reifen-Tagar und Cimpian (2022) weisen jedoch darauf hin, dass Kinder bereits ab dem Kleinkindalter lernen, zwischen Eigen- und Fremdgruppe zu unterscheiden sowie soziale Normen und ein Verständnis von sozialen Hierarchien zu entwickeln, nach denen sie handeln bzw. nach denen sie das Verhalten von anderen einordnen. Diese „protopolitischen“ Einstellungen von Kindern unterscheiden sich individuell und scheinen u. a. damit in Verbindung zu stehen, welche politischen Ideologien ihre Eltern vertreten und ob sie in einem sehr konfliktbehafteten Kontext (z. B. Israel-Palästina) aufwachsen (Reifen-Tagar & Cimpian 2022). Die Autor*innen plädieren daher eindringlich dafür, mehr Studien an der Schnittstelle von Entwicklungspsychologie und politischer Psychologie durchzuführen, gerade mit Kindern unter 13 Jahren. Im folgenden Abschnitt werden mögliche Zusammenhänge zwischen den aktuellen psychosozialen Belastungen von Kindern und Jugendlichen und der Zunahme von extremistischer Radikalisierung bei Minderjährigen aufgezeigt.
Mehrere Studien deuten darauf hin, dass psychosoziale Belastungen, emotionale Vulnerabilität und mangelnder sozialer Anschluss die Anfälligkeit für extremistische Ideologien erhöhen können. Campelo et al. (2018) beschreiben die Risikofaktoren für Radikalisierung auf drei Ebenen:(1) Individuell: emotionale Verletzlichkeit, persönliche Unsicherheit, erlebte Ungerechtigkeit, belastende Erfahrungen, Adoleszenz.(2) Mikrosozial: familiäre Konflikte, Freundschaften mit radikalisierten Personen.(3) Makrosozial: gesellschaftliche Spannungen, soziale Radikalisierung, politische Konflikte.
Oppetit et al. (2019) weisen darauf hin, dass radikalisierte Minderjährige im Vergleich zu radikalisierten Erwachsenen häufiger psychische Belastungen bis hin zu selbstverletzendem Verhalten zeigen und häufiger über Soziale Medien und digitale Plattformen zum ersten Mal mit extremistischen Ideologien in Kontakt kommen.
Bezüglich der Frage nach Gewaltanwendung identifizieren Jahnke et al. (2023) zudem konkrete soziale Risikofaktoren politisch motivierter Gewalt bei jungen Menschen, darunter Freund*innen mit rassistischen oder gewaltbefürwortenden Einstellungen, die Mitgliedschaft in Gruppen, die sich explizit vom „Mainstream“ abgrenzen sowie elterliche Gewalt. Das deckt sich mit den Erfahrungen der extremismuspräventiven Praxis. So berichten Praktiker*innen, dass in Fällen von Jugendgewalt häufig auch familiäre Gewalt eine wichtige Rolle spiele (Aktaş & Mücke 2025).
Die genannten Befunde verdeutlichen, dass Jugendliche, die durch multiple Krisen belastet, bzw. emotional instabil sind oder wenig soziale und familiäre Unterstützung erfahren, besonders anfällig für radikalisierende Einflüsse sein können. Treffen sie in solchen Phasen – etwa über Soziale Medien – auf extremistische Ideologien, können diese als vermeintlicher Ausweg erscheinen: Sie bieten einfache Erklärungen, klare Feindbilder, Sinn und Orientierung sowie Zugehörigkeit und Anerkennung – und sprechen damit zentrale Bedürfnisse der Adoleszenz an. Für Jugendliche, die Einsamkeit, Ausschluss oder Diskriminierung erleben, können solche Angebote daher eine besonders starke Anziehungskraft entfalten.
Die Erfahrungen der Präventionspraxis bestätigen diesen Zusammenhang im Kontext der aktuellen Entwicklungen. Die Jugendlichen, die in der Beratungsarbeit im Bereich Rechtsextremismus zu Violence Prevention Network kommen, wachsen häufig in sozio-ökonomisch prekären Verhältnissen auf, sind schuldistanziert und schnell eskalierende Konfliktspiralen mit dem elterlichen Umfeld und Fachkräften der Kinder- und Jugendhilfe gewohnt (Hell 2025). Die Gruppen, denen sie sich anschließen, machen im Vergleich dazu spannend erscheinende Angebote: Ausflüge in andere Großstädte, häufig, um an Demonstrationen teilzunehmen oder gemeinschaftliche Kampfsporttrainings, um Stärke zu demonstrieren. Einschüchterung vermeintlicher Gegner*innen und Provokationen bedienen die Suche nach Zugehörigkeit, Beschäftigung, Orientierung und Sinn sowie zugleich Gefühle der Frustration und des Hasses (ebd.). So entsteht eine Erlebniswelt, die auf Jugendliche in ähnlichen Situationen anziehend wirkt und über Social Media- und Messengerdienste beworben und verbreitet wird. Ein ausgeprägtes ideologisches Verständnis ist hier nur selten vorhanden (ebd.).
Fazit
Forschung und Praxis zeigen deutlich: Kinder und Jugendliche stehen unter erheblichem psychischem, sozialem und emotionalem Druck. Daneben existiert eine Reihe gut belegter Risikofaktoren, die Radikalisierungsprozesse begünstigen können. Besorgniserregend ist, dass diese Risikofaktoren derzeit auf die Lebensrealität besonders vieler Kinder und Jugendlicher in Deutschland zuzutreffen scheinen. Doch nicht nur das: Die Zunahme sehr junger Klient*innen in der Beratungspraxis sowie die Zunahme von Fällen politisch-motivierter (Gewalt-)Straftaten durch Kinder und Jugendliche in den vergangenen Jahren zeigt, dass es nicht beim bloßen Risiko bleibt. Diese Faktoren haben sich bereits in reale Radikalisierungsprozesse übertragen.
Die Entwicklungen im Bereich von jugendlicher Radikalisierung und Gewalt sind ein Warnsignal, das ernst genommen werden muss. Sie erfordern einige sehr konkrete Maßnahmen, um der Zunahme extremistischer Radikalisierung und politisch-motivierter Gewalt bei Kindern und Jugendlichen nachhaltig entgegenzuwirken.
Diese Maßnahmen sollten von einer grundsätzlichen Verbesserung der Debattenkultur und nachhaltigen Maßnahmen zur Stärkung und Sicherung von Kindern und Jugendlichen begleitet werden – das Ziel sollte sein, Kinder und Jugendliche nachhaltig zu schützen, zu stärken und sie als handelnde und denkende Subjekte in Debatten einzubeziehen, statt sie lediglich defizitär zu betrachten.
Extremismusprävention fördern:
- Phänomenübergreifende Arbeit sowie die Prävention hybrider Phänomene sollten ermöglicht werden. Die Förderstrukturen müssen entsprechend angepasst werden, um komplexitätsadäquate Flexibilität zuzulassen und Versorgungslücken zu schließen.
- Gendersensible und -responsive Ansätze, u. a. gewaltpräventive Mädchen- und Jungenarbeit, sollten gezielt ausgebaut werden.
- Die zunehmende Fokussierung der Praxis auf jüngere Klientelgruppen sollte unterstützt werden.
Kinder und Jugendliche schützen:
- Programme, die die Wechselwirkungen zwischen psychischen Belastungen und Radikalisierungsprozessen adressieren, müssen gestärkt und ausgebaut werden.
- Benachteiligte Kinder und Jugendliche müssen besonders gestärkt werden, insbesondere in Quartieren oder Regionen, in denen extremistische Gruppierungen besonders aktiv sind.
- Die konsequente Anwendung bestehender rechtlicher Regelungen sowie die Implementierung von Schutz- und Präventionsmaßnahmen durch Social Media-Plattformen muss eingefordert und Verstöße müssen sanktioniert werden.
Angehörige und Fachkräfte stärken:
- Für Angehörige, Lehrkräfte und weitere Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe braucht es spezialisierte Aufklärungs- und Bildungsmaßnahmen, die über die Nutzung von Internet und Social Media durch Kinder und Jugendliche fortbilden. Die Handlungssicherheit im Umgang mit extremistischen Inhalten und Hate Speech muss ausgebaut werden.
- Die Regelstrukturen der Kinder- und Jugendhilfe sowie -psychiatrie benötigen Sensibilisierungs- und Fortbildungsprogramme und eine systematische Verzahnung mit der Extremismus- und Gewaltprävention. Nur so kann ihre Handlungssicherheit im Umgang mit Radikalisierungsprozessen und möglicher Fremdgefährdung gestärkt werden.
- Netzwerke zwischen Regelstrukturen der Kinder- und Jugendhilfe, Psychiatrie, dem Kinder- und Jugendschutz sowie der Extremismusprävention und Strafverfolgung müssen strategisch aufgebaut und gestärkt werden. Das ist ein notwendiger Schritt, um kohärent und effektiv auf die Herausforderungen hybrider Radikalisierungs- und Gewaltphänomene reagieren zu können.
- Fachkräfte der Bildungsarbeit müssen (wieder) dazu befähigt werden, im Austausch mit Kindern und Jugendlichen auch zu komplexen politischen und gesellschaftlichen Themen konstruktiv diskursfähig zu sein.
Die wenigsten Radikalisierungsprozesse münden in politisch motivierter Kriminalität, Gewalt oder gar Terrorismus. Im Umkehrschluss bedeutet dies jedoch auch, dass die gut dokumentierte Zunahme von Fällen gewaltförmiger Radikalisierung lediglich die Spitze eines immer größer werdenden Eisbergs darstellt, unter der sich ein ebenfalls wachsendes Dunkelfeld gesellschaftlicher Entfremdung und Autokratisierung befindet. Nur wenn psychosoziale Belastungen reduziert und Schutzfaktoren auf allen gesellschaftlichen Ebenen gestärkt werden, können Kinder und Jugendliche die Fähigkeiten entwickeln, Krisen zu bewältigen, demokratische Werte zu leben und extremistischen Narrativen zu widerstehen.
Autor*innen:
Maximilian Campos Ruf ist Islam- und Sozialwissenschaftler mit Fokus auf Terrorismus- und Sicherheitsstudien. Er ist seit 2017 für Violence Prevention Network gGmbH tätig, derzeit als Leiter des Fachbereichs Wissenschaft und als Senior Adviser im Bereich Internationales.
Sandra Schwarz hat einen Master in Klinischer Psychologie und Psychotherapie sowie einen Master im Bereich Menschenrechte und interkulturelle Entwicklung. Sie ist seit 2025 im Fachbereich Psychotherapie von Violence Prevention Network gGmbH tätig und dort für den Schwerpunkt „Radikalisierung von Kindern und Jugendlichen“ zuständig.
Primärquellen
Hintergrundgespräch mit Feride Aktaş und Thomas Mücke – Fachbereich Islamismus, 27.11.2025.
Hintergrundgespräch mit Peter Anhalt – Fachbereich Rechtsextremismus, 20.11.2025.
Fokusgruppengespräch mit mehreren Berater*innen von Violence Prevention Network, 09.02.2026.
Literaturverzeichnis
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Becker, L. et al. (2025). Immer jünger, immer früher? Soziale Medien, frühe Ideologisierung und neue Anforderungen an die zivilgesellschaftliche Distanzierungs- und Ausstiegsarbeit. dist[ex] – Entwicklung einer bundeszentralen Infrastruktur für Distanzierungs- und Ausstiegsarbeit. Verfügbar unter: https://www.dist-ex.de/publikationen/detail/immer-juenger-immer-frueher-soziale-medien-fruehe-ideologisierung-und-neue-anforderungen-an-die-zivilgesellschaftliche-distanzierungs-und-ausstiegsarbeit (Zugriff: 27.02.2026).
Bundesamt für Verfassungsschutz (2025). Antwort auf eine schriftliche Anfrage durch Violence Prevention Network gGmbH.
Bundeskriminalamt (2025). Antwort auf eine schriftliche Anfrage durch Violence Prevention Network gGmbH.
Bundesregierung. (2025, 6. Oktober). Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Marlene Schönberger, Schahina Gambir, Marcel Emmerich u. a. und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Jung und rechtsextrem – Zur Zunahme rechtsextremer Einstellungen und Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen (Deutscher Bundestag, Drucksache 21/1990). https://dserver.bundestag.de/btd/21/019/2101990.pdf
Bundesverband Mobile Beratung (2025). Wie sich Rechtsextremismus im Alltag festsetzt – und Engagierte dagegenhalten. Verfügbar unter: https://bundesverband-mobile-beratung.de/publikationen/wie-sich-rechtsextremismus-im-alltag-festsetzt-und-engagierte-dagegenhalten/ (Zugriff: 27.02.2026).
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World Health Organization: WHO. (2025, 25. März). Suicide. https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/suicide/ (Zugriff: 08.04.2026)
[1] Digitale Subkulturen, die auf die Diskussion und Verbreitung von extremen, echten Gewaltdarstellungen fokussiert sind.
[2] Akzelerationismus bezeichnet das heute besonders im Rechtsextremismus verbreitete Ideologem, den als unvermeidlich angesehenen Zusammenbruch des bisherigen politischen und gesellschaftlichen Systems gezielt durch Anschläge und Gewalt zu beschleunigen. Im Anschluss soll in der Regel der Aufbau einer neuen, utopischen Ordnung folgen – im Falle nihilistischer Gewalt fehlt dieses Element, im Zentrum stehen stattdessen Zerstörung und Chaos.